Der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York sowie auf das Pentagon (Washington) und der Absturz des vierten entführten Flugzeugs bevor es eine noch größere Tragödie anrichten konnte, jähren sich am 11. September 2026 zum 25. Mal. Kein Grund zum Feiern, sondern ein Tag zum Innehalten und zum Gedenken an die Opfer.
Dieser historische Roman beschäftigt sich mit dem Geschehen in Manhattan. Er erinnert nicht nur an die schrecklichen Ereignisse, sondern an die vielen bekannten und unbekannten, oft unbedankten Helferinnen und Helfer, die mitten im Chaos der Evakuierung durch Zivilcourage und manchmal gegen ausdrückliche Befehle der Vorgesetzten Tausende Menschenleben unter Einsatz des eigenen gerettet haben.
An Hand der der sehr persönlichen, wenn auch fiktiven Geschichte von Abe McCullum, einem durchaus griesgrämigen Kapitän, der wie sein Schiff die Manhattan Glory, die besten Tage des langen Lebens schon hinter sich hat, erzählt Anja Marschall ohne Pathos wie diese Katastrophe Menschen über sich hinaus wachsen lässt.
Neben Abe spielen seine Tochter Rhona, die einen Job im WTC hat und nach London gehen soll, sein Sohn Jamie, der nach einem der zahlreichen Streitigkeiten mit Abe bei der Coast Guard, die Abe für seine Feinde hält, arbeitet und Ben, ein sehr erfolgreicher wie skrupelloser Investmentbanker, eine große Rolle. Dazu kommt der vierjährige Shaun, der im Chaos der einstürzenden Türme von seiner Nanny und der kleinen Schwester getrennt wird, und sich auf der Manhattan Glory versteckt.
Während es für Abe und Rhona selbstverständlich ist, auf der nicht mehr für den Verkehr zugelassenen Manhattan Glory Menschen über den Hudson River zu befördern, schlittert Ben in diese Rettungsaktion der McCullums hinein und lässt ihn über sein bisheriges Leben nachdenken. Danach trennen sich ihre Wege.
Erst im Jahr 2016 bei der Gedenkfeier treffen sich Ben und Rhona wieder.
Sie sagen, es könnten fast eine halbe Million Menschen gewesen sein, die wir von Manhattan heruntergeholt haben. sagte Ben.
Wir? Also verstehst du, was ich meine? An dem Tag warst du einer von uns.
Dieses Wiedersehen, das den Abschluss dieses Romans bildet, hat etwas Tröstliches an sich.
Meine Meinung:
Anja Marschall hat hier keine rührselige Geschichte geschrieben, sondern eine Hommage an alle jene, die ohne viel zu fragen, mit Einfallsreichtum geholfen haben Menschen aus der Gefahrenzone zu bringen. Denn nicht nur die aus den brennenden Gebäuden herabfallenden Trümmer haben Personen verletzt oder getötet, sondern berstende Leitungen und giftige Gase. Dazu passt ein Artikel in den heutigen Nachrichten, dass mit rund 9.500 Menschen drei Mal mehr an Krebs, als Folge der giftigen Gase, gestorben sind, als die knapp 3.000, die direkt bei den Anschlägen ums Leben gekommen sind. Warum? Die Behörden von New York hätten verheimlicht, dass Tonnen von Asbest und toxischen Kunststoffe sich in der Luft befänden, die kanzerogen sind. Zudem seien zu wenige Atemschutzmasken vorhanden gewesen, die die Helfer vor dem Einatmen der Schadstoffe geschützt hätten.
Aber zurück zum Buch, das zwischen den Szenen, die aus Sicht von Aber, Rhona, Jamie, Ben und Shaun geschildert werden, Fakten einflicht. Besonders interessant ist der Anhang, in dem nicht nur alle Namen der an der Evakuierung der Menschen beteiligten Schiffe auflistet, sondern auch Anja Marschalls Quellen offenlegt sowie Kartenausschnitte, die die Schauplätze offenbart. So mag ich das! Wer will, kann diesen Originalquellen nachgehen, um nicht irgendwelchen Verschwörungstheorien, die auch heute noch im Internet und Buchhandel zu finden sind, aufzusitzen.
Anja Marschall versteht es sehr gut, nach intensiver Recherche Fakten und Fiktion zu verknüpfen. Ihr Schreibstil ist eindringlich, ohne Zuckerguss und vermittelt die Dramatik dieser Tage.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser Hommage an die viele Helferinnen und Helfer, die ihr eigenes Leben eingesetzt haben, um andere zu retten, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.