Patrick Ryan entwirft in seinem Roman »Buckeye« ein weit ausgreifendes Panorama der Geschichte des 20. Jahrhunderts, das insbesondere die beiden Weltkriege umfasst und dabei eng mit dem Schicksal zweier Familien verbunden ist, deren Lebenswege sich immer wieder kreuzen. Als großer amerikanischer Epos angelegt, verbindet das Buch mehrere Generationen miteinander, deren Werdegänge unmittelbar von den Wirrungen und Umbrüchen der Weltgeschichte geprägt werden und die versuchen müssen, innerhalb einer sich ständig verändernden Welt ihren eigenen Platz zu finden. Dabei stellt Ryan, wie man es von einem amerikanischen Autor durchaus erwarten kann, vor allem die amerikanische Perspektive in den Mittelpunkt. Er arbeitet mit zwei wesentlichen Komponenten: Einerseits erzählt er die Geschichte seiner Figuren, ihrer Karrieren, Liebesbeziehungen, Familien, Ängste und Sorgen sowie ihrer ständigen Versuche, mit den Anforderungen ihrer Zeit Schritt zu halten. Andererseits nimmt die Weltgeschichte einen enormen Raum ein, insbesondere die Geschichte des 20. Jahrhunderts, über die bereits unzählige Bücher geschrieben worden sind.
Die beiden Familien Jenkins und Salt dienen dabei gewissermaßen als Beispiele für Menschen, die zunächst keineswegs außergewöhnlich erscheinen, deren Leben jedoch durch die großen historischen Ereignisse in eine Richtung gedrängt werden, die sie selbst nur begrenzt beeinflussen können. Sie reagieren nicht einfach auf die Geschichte, sondern müssen innerhalb ihrer Möglichkeiten handeln und Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie häufig erst Jahre oder Jahrzehnte später erkennen. Besonders die Weltkriege greifen tief in ihre Biografien ein und zeigen, wie wenig Kontrolle der Einzelne über seinen Lebensweg besitzen kann. Vom Einzug in den Krieg verschont zu bleiben, weil ein verkürztes Bein den Militärdienst verhindert, kann ebenso prägend für ein ganzes Leben sein wie die gegenteilige Erfahrung, tatsächlich in einen sinnlosen Krieg geschickt zu werden und dort mit Tod, Verlust und Gewalt konfrontiert zu werden. Gleichzeitig betrachtet Ryan die Auswirkungen des Krieges aus der Perspektive der Frauen, die zu Hause zurückbleiben und deren Leben sich ebenfalls grundlegend verändert, auch wenn ihre Erfahrungen häufig weniger sichtbar sind.
Gerade darin liegt eine der Stärken des Romans, denn Ryan macht deutlich, dass historische Ereignisse nicht nur an den Fronten stattfinden, sondern ebenso in Küchen, Schlafzimmern und Familien, wo die Folgen politischer Entscheidungen über Jahre hinweg nachwirken. Die großen Umbrüche werden so mit persönlichen Erfahrungen verbunden, wodurch die Weltgeschichte eine menschliche Dimension erhält. Dennoch bleibt das grundlegende Muster vertraut: Einzelne Menschen versuchen, unter Bedingungen zu leben, die sie selbst nicht geschaffen haben, und müssen dabei immer wieder zwischen persönlichen Wünschen und gesellschaftlichen Erwartungen entscheiden.
Ein Roman, der einen großen Zeitraum rund um die beiden Weltkriege umfasst, ist an sich natürlich nichts Neues, denn zahlreiche Autoren haben bereits ähnlich umfangreiche Familien- und Generationengeschichten geschrieben. Zu einer Zeit, in der Amerika sich selbst neu erfindet und gesellschaftliche Gewissheiten erneut infrage gestellt werden, wirkt »Buckeye« zunächst beinahe wie eine nostalgische Rückschau. Gleichzeitig macht Ryan jedoch deutlich, dass auch frühere Generationen keineswegs in einer idealen oder eindeutig geordneten Welt lebten, sondern mit politischen Fehlentwicklungen, gesellschaftlichen Zwängen und der schwierigen Suche nach Identität und Sinn umgehen mussten. Die Vergangenheit erscheint dadurch weniger als abgeschlossene Epoche denn als Spiegel, in dem sich auch die Gegenwart wiedererkennen lässt.
Ryan führt ein breites Spektrum an Figuren ein, um an ihren Lebenswegen typische Individuen ihrer Zeit abzubilden, doch das Bild, das er dabei zeichnet, überrascht nur selten. Männer und Frauen haben jeweils klar zugewiesene Rollen zu erfüllen, und wirklich ungewöhnlich ist kaum etwas von dem, was Ryan seinen Figuren zuschreibt. Während die Männer versuchen müssen, in Beruf und Karriere zu bestehen und später als Soldaten im Krieg ihren Platz einzunehmen, führen die Frauen vor allem das Leben zu Hause und versuchen lediglich gelegentlich, sich kleinere Freiräume zu schaffen etwa als Medium oder durch heimliche Affären. Doch aus den gesellschaftlichen Erwartungen auszubrechen, erweist sich als schwierig, und nur wenige Figuren finden tatsächlich einen Weg, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Wirklich erfüllt wirkt daher kaum eines der Leben, die Ryan beschreibt. Weder Frauen noch Männer, weder Alte noch Junge besitzen ihre Biografien vollständig selbst, sondern bewegen sich in einem Geflecht aus Zwängen, Entbehrungen und notwendigen Kompromissen. Im Kleinen unternehmen sie zwar immer wieder Versuche, ihrem eigenen Wesen und ihren persönlichen Wünschen gerecht zu werden, doch aus diesen vorsichtigen Schritten in Richtung Selbstbestimmung entstehen nicht selten Geheimnisse, die über lange Zeit schwer auf den Protagonisten lasten. Letztlich haben diese Geheimnisse nicht nur für die Einzelnen, sondern auch für ihre Familien weitreichende Folgen, sodass sich persönliche Entscheidungen über Generationen hinweg fortsetzen.
»Buckeye« ist ein detailliert und stufenweise erzählter Roman, der bei den früheren Generationen ansetzt und seinen Weg anschließend über deren Söhne und Töchter bis hin zu den nächsten Generationen fortsetzt. Jungen und Mädchen werden zu Eltern und schließlich zu Großeltern, während der Leser ihre Lebenswege über Jahrzehnte hinweg begleitet. Dadurch entsteht tatsächlich eine Reise, die weit über die Erfahrung eines einzelnen Lebens hinausgeht und ein Gefühl für die langen Linien familiärer Prägung vermittelt. Das ist bisweilen spannend und unterhaltsam zu lesen, und Ryan besitzt durchaus ein Gespür für die Zwischentöne menschlichen Handelns. Dennoch drängt sich immer wieder der Eindruck auf, dass sich der Autor dabei vor allem bekannter Muster und Klischees bedient. Gewiss versucht Ryan, den Geist der jeweiligen Epoche einzufangen, und vieles davon mag den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen durchaus entsprechen. Das viel beschworene 20. Jahrhundert war auch in Amerika keineswegs so frei, wie es im Rückblick manchmal erscheinen mag, sondern ebenso wie Europa von festen Rollenbildern, gesellschaftlichen Erwartungen und vorgezeichneten Lebenswegen geprägt. Männer sollten bestimmte Aufgaben erfüllen, Frauen andere, und wer aus diesen Strukturen ausbrechen wollte, musste einen hohen Preis dafür bezahlen. Doch haben wir diese Geschichte nicht bereits sehr häufig gelesen? Am Ende wärmt Ryan vieles Bekanntes erneut auf: Hausfrauen sind Hausfrauen, Soldaten sind Soldaten, und die gesellschaftlichen Grenzen sind klar gezogen. Einige Details mögen neu sein, in ihrer Gesamtheit wirkt die Geschichte jedoch oftmals vertraut. So entsteht letztlich der Eindruck, dass »Buckeye« eine sehr ausführliche Zusammenfassung einer Geschichte liefert, deren wesentliche Bestandteile dem Leser bereits aus zahlreichen anderen Romanen und historischen Darstellungen bekannt sein dürften. Die große Detailfülle ist einerseits eine Stärke des Buches, führt andererseits aber auch dazu, dass sich die Lektüre stellenweise zieht und gelegentlich etwas ermüdend wirkt. Ryan erzählt sorgfältig und mit sichtbarem Interesse an seinen Figuren, findet dabei jedoch nur selten einen wirklich neuen Zugang zu seinem umfangreichen historischen Stoff.
Alles in allem ist »Buckeye« daher durchaus lesenswert, kleinteilig und sorgfältig ausgearbeitet und vor allem für Leser interessant, die Freude an großen Familiengeschichten und historischen Generationenromanen haben. Letztlich bleibt der Roman jedoch trotz seines Umfangs und seiner Detailgenauigkeit erstaunlich austauschbar.