Es fällt nicht leicht, sich im Vorhinein ein klares Bild davon zu machen, was man von »Tschikago«, dem neuen Roman von Alexandra Stahl, eigentlich erwarten soll, denn auf den ersten Blick wirkt das Buch wie eine Sammlung absurder und zugleich liebevoller Erinnerungsstücke an die eigenen Eltern. Doch schon zu Beginn wird deutlich, dass die Autorin den Bogen sehr viel weiter spannt und es keineswegs allein um ihren Vater geht, der gerne einmal nach Amerika gereist wäre, oder um dessen schrullige Beziehung zu seiner Frau, mit der er sich gegenseitig auf Trab zu halten versteht und die Tochter mit einer Vielzahl unauslöschlicher Erinnerungen versorgt hat, die diese nun als Autorin literarisch verarbeitet. Das eigentliche Thema des Romans ist vielmehr das Erinnern selbst, das sich von den familiären Erfahrungen ausgehend immer weiter öffnet und schließlich zu einem Berliner Seniorenheim führt, das die Autorin über Jahre hinweg besucht. Dort trifft sie auf unterschiedlichste ältere Menschen, die wie ihre Eltern ihre ganz eigenen Eigenheiten besitzen, zugleich aber auf ein langes Leben mit persönlichen Erlebnissen und historischen Erfahrungen zurückblicken können, die jedoch teilweise im Nebel der Altersdemenz zu verschwinden drohen.
Anders als andere Autoren und auch anders, als man es angesichts eines solchen Ausgangspunktes vielleicht erwarten würde begibt sich Stahl nicht auf eine systematische Suche nach den verlorenen Erinnerungen dieser Menschen. Die biografischen Einzelheiten selbst sind nur selten Gegenstand der Handlung und tauchen vielmehr in kleinen Facetten, beiläufigen Bemerkungen oder fragmentarischen Episoden auf. Viel stärker interessiert sich die Autorin für den Vorgang des Erinnerns an sich und für das merkwürdige Gefühl, etwas festhalten zu wollen, das einmal selbstverständlich vorhanden war, sich nun aber immer weiter entzieht. Erinnerungen werden dabei nicht als etwas Statisches verstanden, das man lediglich aus dem Gedächtnis hervorholen muss, sondern als etwas Unzuverlässiges, Veränderliches und manchmal beinahe Skurriles, das sich ständig neu zusammensetzt. Gerade bei den älteren Menschen wird deutlich, wie schwierig es sein kann, zwischen dem tatsächlich Erlebten, dem Vergessenen und demjenigen zu unterscheiden, was im Laufe der Zeit vielleicht unbewusst hinzugefügt wurde. Stahl interessiert sich dabei weniger für die Auflösung dieser Unsicherheiten als für den Zustand selbst und schafft dadurch eine eigentümliche Mischung aus Melancholie, Wärme und gelegentlichem Humor.
Nicht zuletzt erzählt »Tschikago« aber auch vom Alltag im Umgang mit älteren Menschen, die ihren Lebensabend in einem Seniorenheim verbringen und dort auf eine Welt reduziert werden, die ihren langen Lebensgeschichten kaum gerecht werden kann. Gerade darin liegt eine der stärksten Ebenen des Buches: Die Bewohner erscheinen nicht bloß als pflegebedürftige alte Menschen, sondern als Persönlichkeiten mit einer Vergangenheit, die sich nicht vollständig in den routinierten Abläufen eines Heims abbilden lässt. Ihre Geschichten, Eigenheiten und kleinen Rituale machen deutlich, wie groß die Diskrepanz zwischen einem langen, ereignisreichen Leben und einem von Pflege, Zeitplänen und wiederkehrenden Abläufen bestimmten Alltag sein kann. Stahl begegnet ihren Figuren dabei weder mit übertriebener Sentimentalität noch mit distanzierter Beobachtung, sondern mit einer Mischung aus Neugier, Respekt und einem feinen Gespür für die Absurditäten des täglichen Lebens.
Der Autorin ist damit ein kurzweiliger Text gelungen, dem man trotz seines mitunter schwierigen und durchaus melancholischen Themas seine Schwere kaum anmerkt. Mit viel Leichtigkeit und sprachlichem Schwung erzählt sie bruchstückhaft, gelegentlich essayistisch und immer wieder aus einer sehr persönlichen Perspektive von ihren Erfahrungen und ihrem langjährigen Alltag im Seniorenheim. Dabei entsteht keine streng durchkomponierte Geschichte, sondern vielmehr eine lose Folge von Beobachtungen, Gedanken und Begegnungen, die sich erst in ihrer Gesamtheit zu einem größeren Bild zusammenfügen. Gerade diese Offenheit passt gut zum Thema des Buches, denn auch Erinnerungen folgen schließlich keiner geraden Linie, sondern tauchen unvermittelt auf, verschwinden wieder und hinterlassen manchmal nur einen kleinen Eindruck.
Dass dieses Thema Alexandra Stahl am Herzen liegt, spürt man an der Liebe zum Detail, die selbst den scheinbar beiläufigsten Passagen innewohnt. Sie betrachtet ihre Figuren aufmerksam, ohne sie auszustellen, und findet auch in kleinen Situationen jene skurrilen Momente, die verhindern, dass der Text jemals in reine Schwermut abrutscht. So entsteht eine Lektüre, die trotz ihrer Auseinandersetzung mit Alter, Vergessen und Verlust angenehm leicht bleibt und vielen Lesern sicherlich einige beschauliche, aber zugleich nachdenkliche Lesestunden bereiten kann.
Letztlich schwingt in »Tschikago« auch eine leise Mahnung mit, sich selbst und die eigenen Erinnerungen nicht allzu wichtig zu nehmen. Was uns persönlich als unverzichtbarer Bestandteil unserer Identität erscheint, ist vielleicht doch nur ein kleiner Ausschnitt aus einem viel größeren Ganzen und bleibt in seiner Gestalt als Gedanke im Kopf ohnehin unbeständig. Gerade deshalb sind Erinnerungen aber erzählenswert: nicht weil sie immer vollständig oder zuverlässig sind, sondern weil in ihrer Unvollkommenheit etwas vom Leben selbst erhalten bleibt.