Wer an Märchen und Sagen denkt, denkt unwillkürlich an die Gebrüder Grimm, nämlich an Jakob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859). Doch kaum jemand weiß, dass die beiden noch eine Schwester (Lotte) und sechs Brüder hatten, von denen nur drei das Erwachsenenalter erreicht haben: nämlich Carl Friedrich (1787-1852), Ferdinand Philipp (1788-1845) und Ludwig Emil Lui (1790-1863).
Das Geld ist im Haus Grimm nicht immer üppig vorhanden, so dass eine gediegene Schul- und Ausbildung zunächst nur für Jakob und und wenig später auch für Wilhelm möglich ist. Die anderen Brüder haben das Nachsehen. Nach dem Tod des Vater 1796, wird Jakob das männliche Familienoberhaupt, was auch die Tante Henriette Zimmer einschließt.
Lui wird sich als Maler und Grafiker einen Namen machen, der unter anderem die Bücher seiner bekannten Brüder illustriert. Zahlreiche seiner Werke sind in diesem Buch über die Familie abgedruckt.
Der ebenfalls Märchen sammelnde Ferdinand gerät in Vergessenheit und Carl ist das Enfant Terrible der Familie. Am härtesten trifft es natürlich Lotte (1793-1833), die nach dem frühen Tod der Mutter (1808) mit 15 Jahren deren Aufgaben im Haushalt übernehmen muss. Dabei ist auch sie künstlerisch begabt und verfasst Gedichte. Lottes Begabung wird, wie bei vielen Frauen ihrer Zeit, auf Grund des vorherrschenden Frauenbildes verschwendet.
Diese vielen Einzelheiten beschreiben die Lebenswelt der Grimms sehr gut, könnten aber den einen oder anderen Leser ob der Vielzahl überfordern. Wir dürfen am gesellschaftlichen Leben, das uns die Bekanntschaft mit den Savignys, Brentanos sowie derer von Arnim beschert, teilnehmen. Zahlreiche Auszüge aus dem regen Briefverkehr der Brüder Grimm miteinander, der Tante Henriette Zimmer und den literarischen Zeitgenossen ergänzen die Betrachtung.
Sehr gut gefällt mir, dass wie das gesellschaftliche und politische Umfeld dieser Zeit dargestellt wird. Wir befinden und ja zunächst in den Napoleonischen Kriegen und ab 1815 in der Ära der Restauration, in der die Fürsten ihre Machtansprüche von früher wiederherzustellen versuchen. Dazu bedienen sie sich häufig der Willkürherrschaft, der flächendeckenden Zensur und anderer Repressalien. Die Menschen ziehen sich in ihr biedermeierliches Privatleben zurück. Der technische Fortschritt ist jedoch nicht aufzuhalten, auch, wenn er misstrauisch betrachtet wird. Der hier in diesem Buch mehrmals zitierte Briefwechsel zwischen den Brüdern und Lotte zählen zu den Schätzen zur Erforschung dieser Epoche, dem Vormärz, der sich 1848 in diversen Revolutionen entladen wird.
Tilman Spreckelsen, dessen historische Krimi-Reihe rund um Dichter und Juristen Theodor Storm ich gerne gelesen habe, schafft es sehr gut seinen Leserinnen und Lesern die Familiengeschichte der Grimms näher zu bringen. Nicht immer wird die Familiengeschichte streng chronologisch erzählt
Die wenigsten wissen, dass wir den beiden Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm nicht nur zahlreiche Märchen zu verdanken haben, sondern auch ein Wörterbuch, das versucht, Ordnung in die oft sehr individuelle Rechtschreibung zu bringen. (Geschrieben wie gesprochen).
Die gediegene Aufmachung als Hardcover mit Lesebändchen machen dieses Buch zu einem tollen Geschenk für Geschichtsinteressierte.
Fazit:
Zahlreiche Abbildungen sowie ein üppiges Literaturverzeichnis vervollständigen diese ausführliche Familiengeschichte, der ich gerne 5 Sterne gebe.