Die gestandene Bethany Betty Hell führt sehr erfolgreich den renommierten Hamburger Verlag Lysander. Schnell erkennt sie die Qualitäten des neuen Lektoratsmitarbeiters Fero Lebed. Die Zusammenarbeit mit ihm macht ihr Spaß. Fero glänzt durch Fachwissen, Charme und Empathie. Betty ist wie berauscht von dem zwanzig Jahre jüngeren Mann. Doch dann verschwindet er spurlos, und Betty wird an der ungarischen Grenze mit einem Koffer voll Falschgeld und einer Pistole verhaftet. An der Waffe findet sich Blut - Feros Blut. Betty wird wegen Mordes angeklagt. Verteidigt wird sie von dem Anwalt Mark Steinert, aus dessen Perspektive wir den Prozess und das Drumherum erleben.
Auf etwa 500 Seiten versuchen wir nun herauszufinden, was geschehen ist. Hat Betty Fero tatsächlich getötet? Die Angeklagte schweigt beharrlich. Erst als immer mehr Indizien auftauchen, öffnet sie sich ihrem Verteidiger und erzählt nach und nach ihre Geschichte. Doch immer wieder schleichen sich Zweifel ein - beim Anwalt wie auch bei den Lesenden -, ob das alles so stimmt, wie Betty es erzählt oder ob sie einfach eine großartige Schauspielerin ist. Dabei stellt sich auch die Frage, ob Betty von Fero manipuliert wurde oder ob es eher umgekehrt war. Toxisch war die Beziehung auf jeden Fall. Juli Zeh zeichnet hier ein detailliertes Bild einer starken und doch zerbrechlichen Frau mit einer psychologischen Raffinesse, die mich beeindruckt hat.
Die Einblicke in das deutsche Justizwesen wirken authentisch, ebenso die Beschreibungen von Pressearbeit und Social Media. Der Prozess ist nicht einfach nur ein Prozess, sondern eine Show, in der etliche Leute einen Auftritt haben wollen. Aktivistinnen instrumentalisieren ihn als Werkzeug im Kampf gegen das Patriarchat. Der Staatsanwalt sieht sich auf dem Sprung in die Politik und giert nach einem Sieg. Und auch Mark Steinert und seine Kanzlei können sich keine Niederlage erlauben.
Die Autorin weiß mit Worten umzugehen. Fast unmerklich setzt sie mir immer wieder neue Gedanken zum Geschehenen in den Kopf, bis ich nicht mehr weiß, wo vorne und wo hinten ist. Auch wenn manches Verhalten der Protagonist:innen doch recht unwahrscheinlich ist, hat mich das hier überhaupt nicht gestört, denn es fügt sich perfekt in die Handlung ein, die irgendetwas zwischen unterhaltsam und tiefgründig ist. Mich wird dieser Roman auf jeden Fall noch einige Zeit gedanklich beschäftigen.