Dieser historische Krimi hat mich positiv überrascht. Erwartet hatte ich einen Krimi in historischer Kulisse und bekommen habe ich einen spannenden Krimi und tiefe Einblicke in das Leben von einigen Frauen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten im Jahr 1896. Es war einfach fesselnd. Die junge Schneiderin Hildur findet eine tote Frau im Innenhof und das bringt einiges ins Rollen. Wir erleben nicht nur die damalige Art und Weise der Polizei bei einem Todesfall (an einer Frau) zu ermitteln, sondern wir lernen auch die unterschiedlichsten Bewohner der angrenzenden Wohnblocks kennen. Und damit die sozialen Schichten und die damit verbundenen Lebensweisen der Menschen in Stockholm (und wahrscheinlich überall in Europa) kennen. Hildur lernt dadurch auch ihre Nachbarinnen kennen, die sie wegen der üblichen fehlenden Umgangsweise zwischen den unterschiedlichen sozialen Schichten, bisher nicht kennengelernt hat. Die Erzählweise des Krimis bringt einem die Welt der unterschiedlichen Frauen näher, da jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen Frau geschrieben wird. Mal Hildur, die Näherin, dann Olga, die reiche Polizistenwitwe und Edit, ihr Hausmädchen, dann gibt es noch Fredrika, eine Waise, die bei ihren vermögenden Verwandten als Gesellschafterin leben darf. Normalerweise würden sie sich nicht auf gleicher Ebene treffen, aber hier sind sie durch ihr gemeinsames Interesse an dem Tod der jungen Frau und ihrem Schicksal verbunden. Zusammen mit dem Sohn von Olga treffen sie sich und ermitteln sozusagen gemeinsam. Eine wirklich für damalige Zeiten ungewöhnliche Situation und auch die Frauen selber müssen sich irgendwie erstmal an ihre gemeinsame Zusammenarbeit gewöhnen. Wir bekommen tiefe Einblicke in die damalige Situation der Frau im allgemeinen. Ihre Lebenssituationen so unterschiedlich wie Tag und Nacht werden hier sehr lebendig und authentisch dargestellt. Wir erleben ihre Zwänge, Hindernisse und Einschränkungen durch die Macht der Männer sehr klar dargestellt. Aber sie haben trozdem alle ihre Träume vom Leben und sie versuchen auch einiges um sie umzusetzen. Meist mit kleinen Tricks, wenn sie die vorgegebenen Gesetze und Vorstellungen der Männer umgehen. Ich fand es eine gelungene Mischung aus Krimi und dem Aufzeigen der Situation der Frauen in dieser Zeit. Aber auch die anderen sozialen Punkte kamen vor: z.B Hunger, Armut, Gewalt und die besondere Situation von Waisen und Familien. Für mich aus der heutigen Sicht eine unvorstellbare Situation, aber auch in der heutigen Zeit ist es ja nicht unbedingt besser für viele Menschen (die Art und Weise mag sich vielleicht geändert haben oder zumindest so aussehen).
Dieses Buch ist für mich jedenfalls ein empfehlenswerter Kriminalfall mit interessanten Protagonistinnen und vielen wichtigen Themen. Denn hier kommt einiges zutage, was gerne vergessen wird. Und teilweise auch jetzt immer noch (oder wieder) ein wichtiges Thema ist.
Wer Krimis liebt und trotzdem auch etwas über die damalige Zeit und dem Leben von Frauen wissen möchte, ist hier gut aufgehoben.
Ich bin auch schon sehr auf den nächsten Band gespannt und möchte miterleben, wie sich das Leben der Protagonistinnen weiterentwickelt.