Meine Lieblingsfarbe ist gelb, daher hat mich das Cover sofort angesprochen, noch dazu mag ich Streifen und die illustrierte Frau hat einen ansprechenden künstlerischen Stil.
Valerie geht los, verpasst ihren Bus und beschließt weiter zu gehen und ihren Sohn Lio zu Fuß vom Kindergarten abzuholen. Doch da beginnt auch schon das Gedanken-Karussell in einer Welt voller Social Media, Selbstdiagnose, Selbstmitleid, Unsicherheit und gesellschaftlichen Ausreden...
"Ich bin Valerie, und ich habe DAS und DAS", würde sie dann zufrieden sein, weil nichts weiter zu tun wäre?"
Leider habe ich eine große Abneigung gegen den (der Begriff ist furchtbar) Trend in Social Media nun seine "diagnostizierte" Neurodivergenz offen vor sich her zu tragen. Und nein ich habe absolut kein Problem mit Menschen, die wirklich darunter leiden, im Gegenteil, ich bin ganz stark der Meinung, dass man am besten professionelle Hilfe bekommen soll! Aber diese inflationäre Verwendung von bestimmten Diagnosen, die wie geschrieben aus dem Internet stammen, erzeugen eine ganz neue Dynamik an Problemen.
Es gibt zwar im Buch zu Beginn einen Hinweis darüber, jedoch fällt dieser leicht übersehbar aus und hätte ruhig größer abgedruckt werden können.
Sorry, zurück zum Buch: Valerie erlebt auf nur knapp 200 Seiten einen großen Wandel, von zunächst sympathischer, alleinerziehender Mutter, die mit den Strapazen des Alltags, Selbstzweifel und schwieriger Kindheit ohne Liebe zu kämpfen hat; zu einem fahrig, zerstreuten Opfer ihrer Selbst und dem Internet, dem Gefängnis der Moderne.
Kann man zu Beginn des Romans die vereinzelt witzig, zynischen Gedankengänge als Elternteil gut nachvollziehen, werden sie im Mittelteil düster und gegen Ende mehr und mehr überzeichnet- fast psychotisch dargestellt, sodass ich Valerie nicht mehr als die Person vom Anfang identifizieren konnte.
Der Aufbau der Kapitel, die mit dem Ausschluss der zunächst mittels Instagram vermuteten Diagnose, wie etwa ADHS, Depression, Anorexie, Angststörung oder PTBS endet, ist trotzdem äußerst gelungen. Ebenso passt sich der Schreibstil den Zweifeln, dunklen Erinnerungen und Tragik der Erkrankungen spürbar an und verändert die Atmosphäre ins Bedrohliche.
Das Ende bringt eine leichte Versöhnung mit sich, trotzdem bleibt für die LeserInnen ein großer Interpretationsspielraum für die plakative Botschaft des Missbrauchs rund um Social Media, seine Schattenseiten und besonders für die Nebencharaktere, die keiner logischen Auflösung folgen.
"Jeder braucht eine Mutter, die vorsichtig ist, das Fenster hochkurbelt gegen die komische Welt da draußen und mit einem wegfährt."
Fazit: Die Erwartungen wurden vorallem durch den Klappentext ein wenig verzerrt und obwohl das Konzept in der Umsetzung durchaus gelungen ist, war mir Valerie, ihre wirren Gedanken und ihr Gebrauch vom Smartphone zu überschießend. Sollte man selbst mit psychologischen Erkrankungen kämpfen, vorallem rund um postpartale Depression, würde ich das Buch nicht empfehlen!