Die Autorin erzählt das Leben ihrer 1881 geborenen und 1941 verstorbenen Urgroßtante Frieda, die innerhalb der eigenen Familie so gut wie vergessen war. In diesem Zusammenhang spielt das Thema Euthanasie eine große Rolle. Denn die Tante war geistig behindert und verbrachte ihre letzten zwei Lebensjahre in einer Oldenburger Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Die Autorin stellt über drei Jahre hinweg in einer Zeit eigener beruflicher Veränderungen Nachforschungen an und trägt alles sehr akribisch zusammen, bis am Ende dieses beachtliche Buch herauskommt. Geraldine Oetken arbeitete gewissenhaft und äußerst akribisch durch Einsichtnahme von Archiven, Besuch von Ämtern und Örtlichkeiten, Interviews. Fast gewinnt man beim Lesen den Eindruck, sie sei besessen und fanatisch von ihrer Aufgabe. Puzzleteil um Puzzleteil setzt sie zusammen, erpicht darauf, nichts auszulassen. Dennoch kann sie über Einiges auch nur alternative Ergebnisse liefern oder ihre eigenen bildhaften Vorstellungen von dem, wie es gewesen sein müsste, einbringen. Denn nicht alle Befragten sind auskunftsfreudig, nicht alle Zeugen leben noch, Dokumente sind nicht mehr vollständig vorhanden. Was wir hier zu lesen bekommen, wie mit Frieda umgegangen sein dürfte, ist einfach nur beschämend und erschreckend. Bei ihrer Recherche tut sich für die Autorin eine weitere Frage auf, der sie sich ebenso schonungslos stellt: Wie viel Schuld und Verantwortung am Schicksal der Tante trägt ihre Familie und wie viel davon noch sie selbst als Nachfahrin von Nazis, die gemäß ihren Recherchen wirtschaftlich vom Nationalsozialismus erheblich profitiert hat und deren Reichtum es bis in die Gegenwart zu ihr selbst geschafft hat. Das Buch ist weder als reiner Roman noch als reines Sachbuch einzuordnen, am ehesten stellt es wohl eine Mischung aus beidem dar. Es regt zur Reflexion und eigenen Ahnenforschung an. Als einzigen Störfaktor im Lesefluss habe ich das konsequente Gendern mit Sternchen empfunden, das zu mir mehrfach befremdlich wirkenden Substantiven führt.
Für Lesende mit Interesse an Familiengeschichten und der deutschen Vergangenheit im Nationalsozialismus.