Worum gehts?
Lübeck, 1800: Johann ist Geselle in der Konditorei Maret, doch ihm reicht es nicht, nur Gebäck und Torten herzustellen. Sein Traum ist es, Marzipan von allerbester Qualität zu produzieren. Als er Anna kennenlernt, findet er in ihr eine Verbündete, die ebenso mutig von einem anderen Leben träumt. Gemeinsam wagen sie den Schritt in eine ungewisse Zukunft. Doch dann bringt die Wirtschaftsblockade plötzlich alles ins Wanken. Wird sich ihr gemeinsames Risiko auszahlen?
Meine Meinung:
Romanbiografien sind ein Genre, das ich unglaublich gerne lese. Und Niederegger Der Traum vom edlen Genuss hat Lena Johannson wirklich wunderschön umgesetzt. Man liest das Buch nicht einfach nur, sondern lernt neue Herzensmenschen kennen, fiebert mit ihren Träumen mit und fühlt sich irgendwann selbst ein bisschen zu Hause im Lübeck des frühen 19. Jahrhunderts.
Erzählt wird die Geschichte aus den Perspektiven von Johann, Anna und Gesche. Johann träumt davon, Marzipan herzustellen, das endlich nicht mehr sandig schmeckt. Anna möchte den gesellschaftlichen Zwängen entkommen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Und Gesche kämpft sich mit Prostitution durchs Leben und besitzt dabei ein Herz, in dem gefühlt ganz Lübeck Platz findet. Gerade Anna und Gesche sind mir unglaublich ans Herz gewachsen. Aber auch der sizilianische Mandelbauer Lorenzo, seine Schwester Giulia und Annas Tante Ishilde machen die Geschichte lebendig.
Besonders gelungen fand ich, wie die Autorin Johanns Traum vom perfekten Marzipan mit den historischen Ereignissen dieser Zeit und den persönlichen Schicksalen ihrer Figuren verwebt. Dabei bleibt die Geschichte keineswegs nur in der Lübecker Backstube. Wir reisen nach Sizilien zu dem Mandelbauern Lorenzo, erleben die französische Besetzung Lübecks und ihre Folgen und spüren, wie stark gerade Frauen durch gesellschaftliche Konventionen eingeschränkt werden. Gleichzeitig wird aus dem Traum vom eigenen Marzipan plötzlich ein echtes Wagnis, als die Wirtschaftsblockade den Handel erschwert und ausgerechnet die Mandeln knapp werden. Und dann wird es sogar richtig abenteuerlich: Es wird geschmuggelt und auf Helgoland spioniert, während in Lübeck um die gemeinsame Zukunft gekämpft wird.
Trotzdem verliert die Geschichte nie ihren warmherzigen Charakter. Zwischen all den historischen Ereignissen geht es immer auch um Freundschaft, Zusammenhalt und den Mut, für das eigene Leben und die eigenen Träume einzustehen. Es gibt spannende und abenteuerliche Szenen ebenso wie jede Menge emotionale Momente. Und ich bin der Autorin tatsächlich dankbar dafür, dass sie die Geschichte vor Annas Tod beendet hat. Das hätte mein inzwischen sehr an ihr hängendes Leserherz nämlich nicht mehr gebraucht. So war es für mich einfach perfekt und genau richtig.
Fazit:
Niederegger Der Traum vom edlen Genuss von Lena Johannson ist eine warmherzige und wunderbar lebendige Romanbiografie über große Träume, mutige Frauen und natürlich jede Menge Marzipan. Ich habe mit Johann, Anna und Gesche gehofft, gelacht und gebangt und wäre am liebsten noch ein bisschen länger bei ihnen geblieben. Ein wundervoller historischer Roman und ein echter Lesegenuss, der vor allem eines macht: unbändige Lust auf Marzipan.
5 mandelsüße Sterne von mir.