Deutsche Romane, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen, tragen fast immer eine immense moralische und historische Verantwortung in sich, doch während die meisten von ihnen die Metropolen oder die großen politischen Umwälzungen ins Zentrum rücken, wählt Shida Bazyars viel beachteter Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur »Die Lücken« einen erfrischend anderen Weg, indem er das Augenmerk ganz bewusst auf das kleine Dorf Heimesbach richtet und dort wie unter einem Brennglas den konkreten, oft erschreckend alltäglichen Umgang mit der jüdischen Bevölkerung seziert. Die Struktur des Romans erweist sich dabei als ebenso komplex wie faszinierend, da eine bereits verstorbene Erzählfigur wie mit einem Röntgenblick mosaikartig über die verschiedenen Menschen und Schicksale der damaligen Dorfbewohner blickt und deren geheimste Gedanken kennt, während das ständige Springen zwischen den Zeitebenen nicht nur dazu dient, das Vorher und Nachher zu illustrieren, sondern vor allem das schleichende Ändern des Denkens oder vielmehr das Fehlen jeglichen Umdenkens eindringlich zu beschreiben, wobei die Autorin ein Kernpersonal aus mehreren Protagonisten anführt, aber auch zahlreichen Randfiguren eine unüberhörbare Stimme verleiht.
Im Zentrum dieses dichten Beziehungsgeflechts stehen Figuren der Täter- und Opferperspektive, deren Lebensstationen exemplarisch für die Zerrissenheit des Ortes stehen: Da ist die jüdische Händlertochter Johanna, die sich in den 1920er-Jhren unglücklich in den ernsthaften Hans verliebt; ihre beste Freundin Lore, eine stolze und übermütige Bauerntochter, die sich früh den Nationalsozialisten verschreibt und später zur Leiterin der NS-Frauenschaft aufsteigt; deren kränkliche Schwester Anni, die nach einer von Schikane geprägten Kindheit den herrischen Reinhard heiratet und als überzeugte BDM-Führerin selbst vor nächtlichen Steinwürfen auf jüdische Häuser nicht zurückschreckt; sowie der ehrgeizige, aus dem Saargebiet zugezogene Lehrersohn Gustav Simon, der sich bei den lokalen Eisenbahnern anbiedert und schließlich bis zum mächtigen NSDAP-Gauleiter aufsteigt. Neben ihnen stehen Joseph, der den Krieg als vermeintlich unpolitischer Bote und hungernder junger Mann erlebt, und der jüdische Tierarzt Dr. Moritz Kahn, dessen Familie trotz seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft im Dorf verhaftet und schließlich in Auschwitz ermordet wird.
Der Roman verfolgt hierbei die grundlegende Prämisse, dass der Geist der Erzählerin ein zutiefst düsteres Fazit über die Natur Heimesbachs zieht, da dieser Ort weder über ein echtes Gerechtigkeitsempfinden noch über nennenswerte Verlustängste verfügt, die Vertriebenen mit erschreckender Schnelligkeit vergisst und sich stattdessen gleichgültig an jede neue Epoche, an neue Straßennamen und veränderte politische Begriffe gewöhnt. Er illustriert schonungslos die Vertreibung und den Mord an fast allen Heimesbacher Juden und zeigt das vollkommene Fehlen von Reue bei den Tätern auf, was sich plastisch am Beispiel des alten Joseph zeigt, der noch Jahrzehnte später im Gespräch mit seinem Enkel die Geschichte verharmlost, oder an Lore, die das Schicksal ihrer einstigen besten Freundin Johanna einfach aus ihrem Bewusstsein tilgt, um ungestört ihr Leben weiterzuführen.
Obwohl es bereits viele Romane gibt, die diese Thematik behandeln, setzt Bazyar völlig neue Schwerpunkte: Zum einen bricht der Fokus auf die kleine Dorfgemeinschaft die Anonymität des Genozids auf, indem gezeigt wird, wie Menschen, die sich von Kindheit an kennen, sich im Zuge des Holocausts gegenseitig ans Messer liefern, was besonders in der detaillierten Beschreibung der Kristallnacht deutlich wird, die auf dem Land eben nicht als anonymes Großstadtereignis, sondern als brutaler, von den eigenen Nachbarn und lokalen SA-Männern koordinierter Terror gegen ganz konkrete Häuser ablief. Zum anderen erweitert der Roman die Perspektive auf den Nationalsozialismus auf innovative Weise durch iranische Einflüsse, indem er aus der Sicht von Einwanderern wie Parvaneh, Azad und deren Kindern Asrin und Farhad den mühsamen, von eigenen Traumata und Ausgrenzung geprägten Weg zur Integration beschreibt, der selbst im Jahr 2010 noch lange nicht abgeschlossen ist und eine Parallele zu den früheren Ausgrenzungen zieht.
Dieses ständige und bisweilen atemlose Springen zwischen den Figuren und Epochen macht das Werk zwar streckenweise anstrengend zu lesen, erlaubt jedoch einen ungemein interessanten Blick auf das Handeln während der Kriegsjahre und weit darüber hinaus. Bazyar illustriert dabei die eklatanten Mängel in der historischen Aufbereitung nicht nur am Fehlen von Reuebewusstsein bei den Tätern, sondern auch am Beispiel der Lehrerin Petra, in deren Schulklasse die deutsche Geschichte bei den Mitschülern oftmals nur noch Halbwissen und offene Langeweile hervorruft, sodass die Jugendlichen die pädagogisch wertvoll gedachte Fernsehserie abfällig als »das mit den Juden« betiteln, während am Beispiel des Modehauses Wagner gezeigt wird, wie die wahre, jüdische Historie der Geschäftsgründung durch die nachfolgenden Generationen konsequent totgeschwiegen wird. Symbolisch verdichtet wird dieses kollektive Verdrängen durch das Vergraben und die achtzig Jahre spätere, rein zufällige Ausgrabung eines mit Zetteln gefütterten Stahlrohrs der Hitlerjugend, die bei den heutigen Arbeitern und der Gemeinde jedoch keine echte Aufarbeitung, sondern lediglich historische Distanz und ein tiefes, schnell beiseite geschobenes Unbehagen hervorruft.
»Die Lücken« ist insgesamt ein ungemein ambitionierter Roman, der sich vorgenommen hat, eine Vielzahl von Facetten abzubilden, einen gegenseitigen Austausch des historischen wie modernen Denkens zu ermöglichen und dabei die damaligen Verhältnisse ebenso wie die heutigen Mängel in der Erinnerungskultur anzuklagen. Mit seiner Fülle an Denkanstößen kann das Werk durchaus überzeugen, und auch das Konzept einer Erzählfigur, die im wahrsten Sinne des Wortes »durch Wände und Menschen« blicken kann, wird gelungen umgesetzt; letztlich ist »Die Lücken« aber kein Roman, der zu meinen liebsten Werken dieses Themas werden wird, und mich persönlich am Ende vielleicht auch weniger begeistern konnte, was wohl daran liegt, dass ich vor einigen Wochen den Roman »Geteiltes Haus« von Alice Horáková gelesen habe, der aus tschechischer Sicht auf die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs blickt, ebenfalls ein breites Figurenensemble anführt und viele Facetten detailreich illustriert, mich aber beim Lesen mit seiner Machart deutlich mehr mitreißen konnte.