Rey Mani ist als Tochter von Irakern zum Großteil in Deutschland aufgewachsen. Dabei gelang es ihr weder, sich in ihrer Familie als willkommener, geliebter Teil harmonisch einzufügen. Noch fand sie außerhalb der Familie im Kinderhort, der Schule oder an anderen Orten Anschluss, der ihr den fehlenden Halt innerhalb der Familie ersetzen konnte. So wuchs sie in dem vermeintlichen Wissen auf, dass mit ihr etwas nicht stimmt und sie es nicht verdient, geliebt zu werden.
Das Einzige, was in ihrem Leben zählte, war die Funktion, die sie für ihre Mutter hatte. Als einzige Tochter in ihrer Familie, mit vier Brüdern, von denen zwei älter und zwei jünger als sie waren, konzentrierte sich der Blick der Mutter ausschließlich auf sie. Sie sollte die Mutter im Haushalt unterstützen, der Mutter nacheifern, sie musste stets darauf achten, sittsam auszusehen, selbst Zuhause, sodass auch die Augen ihrer Brüder nicht auf sie fielen. Bei der Verwandtschaft hatte sie der Stolz ihrer Mutter zu sein, dabei stets in ihrem Schatten zu bleiben, sie ja nicht zu übertrumpfen, um sich nicht hervorzutun. In der Schule die besten Noten zu erreichen, ohne dabei aufzufallen.
Gelang ihr etwas nicht, wurde sie getadelt, bestraft, erregte sie Aufmerksamkeit, war dies immer ihre Schuld. Hatte die Mutter, der Vater, einer der Brüder schlechte Laune, so war auch dies ihre Schuld. Machte sie etwas beim nächsten Mal so, wie es dieses Mal gefordert worden war, war es wieder falsch und sie wurde erneut gescholten oder bestraft. Als Mädchen war sie in der Familie das schwächste Glied der Kette. Die Eltern durften bestrafen, aber auch ihre Brüder durften dies, sowohl verbal als auch körperlich.
Beim Lesen hätte ich als Leserin oft gerne eingegriffen und Rey aus der Familie herausgeholt. Zumindest erst einmal, um sie zu fragen, was sie sich wünscht. Im Buch stellt sie irgendwann die Frage, warum ihr niemand geholfen hat. Ich denke, die Hemmschwelle, sich in die Belange der Nachbarn einzumischen ist sehr groß. Wenn es sich dann noch um eine fremde Kultur handelt, ist diese noch um ein Vielfaches höher. Natürlich ist dies kein gutes Argument, um nicht zu helfen. Ich denke jedoch, dass es genau so ist.
Zudem sagt Rey in ihrem Buch, dass ihr auf Social Media immer wieder vorgeworfen wird, dass ihre Ausführungen widersprüchlich sind. Das ist mir ebenfalls aufgefallen. Ich halte dies jedoch für normal. Negative, schwierige oder auch traumatische Ereignisse versucht unser Geist vor uns abzuschirmen. Deshalb haben wir oft nur ungenaue, widersprüchliche oder nebulöse Erinnerungen, derer wir uns nicht sicher sind. Das ist ein Schutz unseres Bewusstseins bzw. Unterbewusstseins, weil wir das Erlebte anders nicht verarbeiten konnten bzw. können.
Das Buch von Rey Mani Ich bin deine Tochter nicht deine Ehre war sehr interessant und hat bei mir sehr viel wieder aufgewühlt. Es hat mir aber auch gezeigt, was ein Mensch erreichen kann, wenn er an sich arbeitet, wenn er Hilfe findet, wenn er stark und mutig ist. Bestärkt und bekräftigt hat mich der Abschnitt über ihren Umgang mit dem Radikalen Online Feminismus. Auch ich finde es wichtig, nicht alle Dogmen 1:1 zu übernehmen, sondern stets zu prüfen, inwieweit sie zu mir passen. Ich finde das Buch lesenswert. Es kann helfen, den Fokus weg vom Ich bin falsch zu lenken.