Die meisten Geschichten lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen, doch das ändert nichts daran, das sie für den Rest unseres Lebens in uns rumoren.
Inhalt
Nachdem Joseph von seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn verlassen wurde, lebt er allein auf seinem Bauernhof. Ein halbes Jahr hat er verzweifelt auf eine mögliche Rückkehr der beiden gewartet, doch auch am Weihnachtsabend bleibt es still. Das alte Gewehr seines Vaters kommt ihm zupass und er beschließt, seiner Einsamkeit ein Ende zu setzen. Doch bevor er den Abzug betätigen kann, steht eine junge Frau in Nöten vor seiner Tür und wirbelt sein Leben durcheinander. Birdie ist nicht nur verletzt, sondern befindet sich auch auf der Flucht vor ihrer Familie. Und Joseph gibt sich damit zufrieden, dass er endlich wieder eine Aufgabe hat. Langsam schöpft er neuen Lebensmut und verlässt sein Schneckenhaus. Unterstütz wird er dabei von seiner Schwägerin Ada, für die er schon viele Jahre tiefe Gefühle hegt. Vielleicht gelingt es ihm nun endlich, dem Weg seines Herzens zu folgen und zu den Menschen, die ihm wirklich wichtig sind zu stehen.
Meinung
Vergangenes Jahr habe ich mit Paradise Garden den ersten Roman der Autorin kennengelernt und dieser hat mich dazu bewogen, direkt zu ihrem neuen Buch zu greifen. Der Klappentext verrät nicht zu viel, die Geschichte entwickelt sich erst beim Lesen und ist mir dann mit jeder Zeile mehr ans Herz gewachsen.
Besonders positiv empfand ich die Innerlichkeit des Protagonisten, der als zentrale Figur viel von seinen Nöten und Hoffnungen preisgibt. Angefangen mit seiner Kindheit, im Schatten eines tragischen Unglücksfalls, weiter über ein Erwachsenenleben, geprägt von harter Arbeit und seiner Unfähigkeit, an die eigenen Stärken zu glauben. Gerade seine Gedankengänge, wecken Emotionen und den Wunsch, dass er durch die Umstände auch ein Stückchen vom Glück geschenkt bekommt. Mit den starken Frauenfiguren der Erzählung erkennt man bald auch das Werkzeug, mittels dem ihm neuer Lebensmut eingehaucht werden soll.
Die leichte Erzählweise, gepaart mit kurzen Kapiteln und einer übergeordneten Perspektive, lässt Facettenreichtum entstehen und viel Platz für eigene Gedanken und eine bunte Themenvielfalt, die dennoch nicht den Fokus verliert. Die schweren Themen bekommen Leichtigkeit verliehen und die leichten Themen werden unter mannigfaltigen Entwicklungen auf eine realistische Ebene gestellt. Schuld und Einsamkeit, ebenso wie Handlungsfreude und Aufbegehren finden Anklang. Dabei zeigt die Autorin geschickt auf, wie anders sich Situationen entwickeln können, wenn es gelingt eingefahrene Wege zu verlassen und nur ein bisschen mehr Zuwendung und weniger Eigennutz zu investieren. Die Menschlichkeit ganz allgemein ist das umfassende Thema.
Fazit
Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne für diesen einprägsamen, schlichten aber lebensnahen Roman mit starken Figuren und tiefen Gedankengängen. Es herrscht zwar eine gewisse Handlungsarmut und Stille, doch eingebettet in diese Geschichte, passt alles harmonisch zusammen. Der Roman vermag es, keine Lebensweisheiten vorzugeben, sondern Wege aufzuzeichnen, wie es möglich wird, sein Leben zu ändern. Dabei sind es die zarten Nebensächlichkeiten, die ihn so authentisch und bewegend machen. Die Zeit mit dem Buch vergeht viel zu schnell, ich wollte es oft gar nicht weglegen. Bemerkenswert sind auch die abwechslungsreichen Ansätze, die gelegt werden: ich hatte das Gefühl, jeder Leser könnte etwas anderes interpretieren, ohne dass dabei der Zusammenhang verloren geht. Ein wunderschönes, stilles Buch mit Nachklang und Hoffnungsschimmer intensiv und wertfrei eignet es sich für eine breites Publikum.