Anja hat ihr Leben eigentlich ganz anders geplant: Als Ärztin arbeitete sie in einem völlig anderen Umfeld. Doch nach dem Tod ihres Vaters übernimmt sie überraschend dessen Café Klein-Wien, einen Ort, der so ziemlich das Gegenteil von allem verkörpert, was man mit modernem Kaffeetrend verbindet. Hier ist alles nostalgisch, gemütlich und ein bisschen aus der Zeit gefallen. Man kommt nicht, um schnell einen Kaffee mitzunehmen, sondern um zu bleiben.
Das Problem: So schön das Café auch ist, wirtschaftlich sieht es ziemlich düster aus. Und dann eröffnet ausgerechnet gegenüber die hippe Kaffeekette Blond Beans. Deren Besitzer Finn Heidemann macht Anja den Kampf um die Kundschaft nicht gerade leichter. Während Anja versucht, das Café ihres Vaters zu retten, schreibt sie sich gleichzeitig online mit dem geheimnisvollen Lime, bei dem sie das Gefühl hat, endlich jemanden gefunden zu haben, dem sie wirklich alles erzählen kann. Und irgendwann stellt sich natürlich die Frage, wer eigentlich hinter diesem Namen steckt
The Sweet Chestnut Trouble von Sonja Kaiblinger ist für mich ein richtig schönes Herbstbuch. Schon die Gestaltung vermittelt diese warme, gemütliche Stimmung, die sich dann auch durch die Geschichte zieht.
Und diese Atmosphäre ist definitiv eines meiner Highlights! Die Autorin schafft es, Wien so lebendig und gleichzeitig so gemütlich zu beschreiben, dass ich beim Lesen sofort ein ziemlich klares Bild vor Augen hatte. Die Stadt, ihre historischen Gebäude, die Menschen und vor allem diese ganz eigenen Wiener Gewohnheiten werden so schön eingefangen. Ich hatte mehrfach das Gefühl, selbst durch die Straßen laufen und anschließend in einem der traditionellen Kaffeehäuser sitzen zu wollen.
Das Klein-Wien ist dabei ein absoluter Wohlfühlort. Es hat etwas Nostalgisches und Entschleunigendes. Hier geht es nicht darum, möglichst schnell weiterzumachen, sondern darum, sich hinzusetzen, miteinander zu reden und einfach einmal im Moment zu sein. Diese Gelassenheit fand ich herrlich und gerade für ein Herbstbuch passt sie für mich perfekt.
Besonders mochte ich Anja als Hauptfigur. Sie ist unglaublich herzlich, aber vor allem angenehm reflektiert und wertschätzend. Selbst gegenüber Menschen, die eigentlich ihre Konkurrenz sind, bleibt sie offen und respektvoll. Auch wenn sie Finn und sein Konzept natürlich nicht besonders toll findet, behandelt sie ihn und seine Familie nicht automatisch schlecht. Sie redet ganz normal mit ihnen, bedient sie sogar und versucht nicht, aus jeder Begegnung einen Kleinkrieg zu machen. Das fand ich wirklich toll, weil es Anja sehr sympathisch und gleichzeitig glaubwürdig gemacht hat.
Finn dagegen hat mich am Anfang ehrlich gesagt ziemlich sauer gemacht. Seine Art Anja gegenüber und sein Auftreten im Konkurrenzkampf haben bei mir erst einmal nicht gerade Begeisterungsstürme ausgelöst. Aber genau das hat sich im Laufe der Geschichte schön entwickelt. Nach und nach bekommt man einen ganz anderen Blick auf ihn und merkt, dass hinter seiner äußeren Fassade eben doch deutlich mehr steckt als ein reicher Geschäftssnob, der ausschließlich seinen eigenen Profit im Kopf hat.
Dabei hat mir tatsächlich geholfen, dass ziemlich schnell klar ist, wer sich hinter Lime verbirgt. Dadurch konnte ich Finns Verhalten viel früher aus einer anderen Perspektive betrachten und hinter seine Fassade schauen. Die Nachrichten zwischen Anja und Lime waren für mich sowieso kleine Highlights: herzlich, locker, lustig und gleichzeitig erstaunlich authentisch. Ich mochte diese Einschübe wirklich sehr gerne und fand, dass sie der Geschichte noch einmal eine ganz andere, leichtere Ebene gegeben haben.
Auch die eigentliche Handlung hat mir gut gefallen. Der Kampf um das Klein-Wien funktioniert dabei nicht nur als spannende äußere Handlung, sondern spiegelt auch Anjas persönlichen Konflikt wider: Wie sehr darf man an etwas festhalten, das einem wichtig ist, und wann muss man lernen, loszulassen? Gerade dieser innere Kampf hat die Geschichte für mich noch einmal emotionaler gemacht. Das Ende empfand ich schließlich als sehr passende und schöne Entwicklung. Für mich hat sich die Geschichte dort genau richtig zusammengefügt, und auch der Ausgang für die verschiedenen Figuren hat mir gut gefallen.
Ein absolutes Highlight waren für mich außerdem die Nebencharaktere. Sie sind teilweise herrlich schräg, unglaublich liebenswert, loyal und haben alle ihre ganz eigene Persönlichkeit. Gemeinsam tragen sie nicht nur das Café, sondern auch Anja und die gesamte Geschichte. Gerade durch sie bekommt das Klein-Wien noch einmal viel mehr Leben und fühlt sich tatsächlich wie ein Ort an, an dem man selbst gerne sitzen würde.
Der Schreibstil passt wunderbar zum Rest: leicht, locker und humorvoll, ohne dass die Geschichte dadurch oberflächlich wirkt. Es gibt viele kleine Schmunzelmomente, gleichzeitig aber auch gefühlvolle und nachdenklichere Stellen. Dadurch liest sich das Buch sehr angenehm und eignet sich meiner Meinung nach wunderbar für gemütliche Lesestunden.
Fazit
The Sweet Chestnut Trouble von Sonja Kaiblinger ist insgesamt für mich ein herrlich gemütliches, humorvolles und gleichzeitig gefühlvolles Herbstbuch mit ganz viel Nostalgie und Wohlfühlatmosphäre. Eine schöne Geschichte über das Festhalten und Loslassen, über Menschen, die manchmal anders sind, als sie zunächst wirken, und über Orte, die viel mehr sein können als nur ein Café.