Ganz ehrlich - manchmal muss eine Geschichte das Rad gar nicht neu erfinden, um genau zu treffen. Daher hier für mich 5 Sterne - denn "Empire of Flame and Thorns" war genauso ein Buch: nicht, weil die Geschichte besonders originell oder komplett neu wäre, sondern weil ich wirklich gute Lesestunden hatte! Der Schlagabtausch zwischen Selena und Draven hat mich nicht nur schmunzeln, sondern das ein oder andere Mal sogar echt herzhaft auflachen lassen.
Ja, einiges ist vorhersehbar und manchmal auch kurz "zum Augenverdrehen", aber ja, es hat durchgehend einfach Spaß gemacht.
Die Welt ist düster, hoffnungslos und streng und der Aufbau generell sehr spannend, da gerade das Leben auf Seiten der Fae mal eben nicht glitzer-schön oder komplett von ihnen dominiert wird.
Die Kraft, die Selena hat, finde ich ebenfalls sehr interessant und extrem ausbaufähig. Da steckt für mich noch unglaublich viel drin, gerade was sie damit später noch erreichen, auslösen oder vielleicht sogar verursachen könnte. Gefährlich - was ihr im Laufe der Geschichte auch immer bewusster wird bzw. teilweise sogar direkt vor Augen geführt wird.
Einzelne Themen, gerade das Verhältnis zu ihren Eltern, bringen nochmal eine ganz andere Schwere mit hinein. Wie gesagt, die Welt, in der Selena aufgewachsen ist, ist düster, trist und von immer wieder demselben Trott geprägt - und genau das bringt für mich eine weitere gute Schwere in die Geschichte.
Auch die Wettbewerbe fand ich nicht übertrieben dargestellt. Sie tragen die Geschichte, der Fokus liegt klar auf ihnen, ohne dass dabei alles andere verloren geht. Und auch Selena selbst wirkt trotz ihrer interessanten Magie nie "overpowered". Sie agiert viel mit Kopf, reflektiert sich selbst und schwankt glaubwürdig zwischen Zweifeln, Mut und diesem "ich muss jetzt einfach weitermachen, ich muss!". Das wirkte auf mich erfrischend normal und nicht überdramatisch. Gleichzeitig ist sie stellenweise fast zu gutmütig bzw. naiv - was für mich aber gut zu ihrem bisherigen Leben passt, weil sie eben nur dieses stark eingeschränkte, immer gleiche Leben kannte, oft gemieden wurde und unter anderem deshalb voller Selbstzweifel steckt.. und ihre Magie scheint daran nicht ganz unschuldig zu sein.
Das erste Aufeinandertreffen mit Draven bis hin zum Ende des Buches war für mich eine Mischung aus Spaß und wirklich freudiger Frustration. Hier hätte ich mir zwar stellenweise etwas mehr Zeit gewünscht, denn diesen schnell vertrauten Umgang zwischen den beiden konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Trotzdem war ihr ständiges Rumtänzeln, diese Dynamik zwischen Nähe, Reibung und Provokation, einfach durchgängig unterhaltsam.
Es wird zwar an mancher Stelle von Selena erwähnt, wieso sie zu Draven nun mal so ist, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass Band 2 da noch einen kleinen Ah-Moment liefern könnte - gerade bei der Frage, warum Draven manche Dinge so bereitwillig "zulässt". Zu gerne würde ich auch mal ein paar Szenen aus seiner Sicht nacherleben, vielleicht als Bonuskapitel. :)
Aber die beiden zusammen? Die Begegnungen, der Schlagabtausch, die Worte und vor allem Dravens Handlungen haben mein Enemies-Herz schon ziemlich erfreut. Ein Platz auf meiner Bookboyfriend-Liste ist ihm jedenfalls sicher ;D
"Was ist mit dir? Hat der Todesschatten überhaupt Eltern, oder wurdest du von einer wütenden Gewitterwolke geboren?"
Auch einige Nebencharaktere haben für mich ordentlich Potenzial, gerade bei zweien würde ich mir jetzt schon Spin-offs wünschen. Denn teils werden auch die Beweggründe der anderen Kandidaten und Kandidatinnen angerissen, man bekommt kurze Einblicke in ihre Leben - und genau dadurch kommen nochmal mehr Schwere, Verlust und Wut auf die offensichtliche, aber nicht ganz greifbare Ungerechtigkeit mit hinein.
Ebenfalls würde ich mich generell über mehr Informationen zu den vergangenen Ereignissen dieser Welt freuen - also darüber, was wirklich-wirklich passiert ist, warum so viel Wissen nur auf einer Seite verloren ging und wie all diese einzelnen losen Fäden überhaupt zusammenlaufen. Zwar wurde einiges in diesem Band schon angesprochen und erläutert, aber da steckt für mich noch so viel mehr im Verborgenen.
Also: trotz ein paar Übersetzungen bzw. moderner Wörter, die ich im Lesefluss lieber nicht gehabt hätte, trotz des teilweise Vorhersehbaren - auch mit Blick auf das Ende - und trotz der doch recht schnellen Entwicklung zwischen Selena und Draven hatte ich wirklich viel, viel Spaß. Ich habe mich an keiner Stelle gelangweilt oder durch irgendetwas "durchkämpfen" müssen - im Gegenteil.
Und wenn ich Tage später, wie hier, immer noch an einzelne Szenen, Figuren und generell den Verlauf denke, mir schon ausmale, was noch auf Selena zukommen wird, was in dieser Welt alles falsch läuft, dann ist das für mich eben auch ein ziemlich gutes Zeichen, dass das Buch einfach gepasst hat.
Für mich war "Empire of Flame and Thorns" deshalb ein zartes 5-Sterne-Highlight - ja, nicht perfekt, aber eines dieser Bücher, bei denen mir die kleinen Schwächen am Ende einfach ziemlich egal sind, weil mir der Lesespaß und die Gefühle hier einfach mehr gegeben haben.