Seryeon hatte eine sehr unglückliche Kindheit, in der sie ihre Geschwister versorgen musste; nach einigen abgelehnten Texten hat sie, trotz eines Literaturstudiums, ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, zur Seite geschoben und schlägt sich mit zahlreichen Nebenjobs durch. In einem kleinen Café in Seoul legt sie Tarotkarten für unterschiedliche Menschen und hilft ihnen mit ihrem Rat. Als ihre Freundin Yunha ihr einen Job vermittelt, in dem sie mit dem Webtoon-Artisten Jinju zusammenarbeitet, beginnt sich ihr Leben nach und nach zu verändern .
Da ich noch nie einen Roman aus dem Genre der Healing Fiction gelesen habe, war ich sehr gespannt auf Das Tarot Café der südkoreanischen Autorin Moon Hye Joung, in dem diese das Trend-Thema Tarot aufgreift und ihre Leser*Innen ganz nebenbei in diese Kunst einführt.
Beeindruckt hat mich hierbei, das die Autorin Tarot nicht als faulen Zauber darstellt und mystische Wahrsagerei, sondern unbewusste die Gedanken sichtbar macht und als inneren Spiegel der Ratsuchenden zeigt. So ist zu lesen, wie Seryeon genau beobachtet, sensibel nachfragt und kluge Gedankenanstöße verteilt. Und bei genau dieser Tätigkeit erkennt sie sich auch immer mehr selbst, lernt daraus und wächst schließlich daran.
Im Mittelpunkt dieses Romans steht eindeutig die Hauptfigur Seryeon, die sehr einfühlsam mehrdimensional geschildert wird und die sich extrem entwickelt im Laufe der Geschichte. Auch ihr Umfeld, ihr Exfreund Yunju, ihre einzige Freundin Yunha, der Künstler Jinju und die Cafébesitzerin (die im ganzen Buch übrigens namenlos bleibt) ist kompliziert - und die weiteren Figuren spielen nur eine kleine Rolle, wenn sie Sereyons Leben als Tarotleserin berühren.
Über Südkorea selbst konnte ich leider nichts aus dieser Geschichte erfahren, aber das ist ja auch nicht die Intention des Buches, wäre nur eine nette Ergänzung gewesen.
Die Autorin schreibt mit leichter Hand in einem gut zu lesenden Erzählstil. Spannung sucht man hier vergebens; Moon Hye Joung erzählt langsam und unaufgeregt mit einem leicht melancholischen Unterton. Trotzdem konnte mich der Roman in seinen Bann ziehen und eine schöne Atmosphäre schaffen.
Hierzu passt auch die wunderschöne Aufmachung des Buches: Die Kapitelüberschriften sind jeweils mit grafischen Elementen geschmückt, was die Kreativität Sereyons unterstreicht, und jedes Kapitel ist mit der Zeichnung einer Tarotkarte (einschließlich ihres Namens und einer kurzen Beschreibung ihrer Bedeutung) abgeschlossen, die sich inhaltlich auf das zugehörige Kapitel bezieht. So lernen wir 28 Karten aus der kleinen und großen Arkana in ihrer Anwendung kennen.
Wichtig ist auch anzumerken, dass die vergangene Beziehung zu Sereyons Exfreund Yunju und die sich langsam anbahnende zu dem unkonventionellen Zeichner Jinju authentisch und glaubhaft dargestellt wird, wobei eher auf die Hintergründe eingegangen wird als dass es sich um einen Liebesroman handelt.
Mir hat dieser Roman sehr gefallen, der die Entwicklungspsychologie seiner Hauptfigur mit einer zwar emotionalen, aber klaren Darstellung des Tarot als strukturiertes Reflexionswerkzeug höchst unterhaltsam und cosy erzählt und auch Lust macht, tiefer in die Materie einzusteigen.