Lissabon 1941 reiht sich nahtlos in die Reihe von Bücher wie Marseille 1940 (Uwe Wittstock) oder Balkanodyssee 1933-1941 (Marie-Janine Calic) ein und das ist keineswegs negativ gemeint, sondern zeigt die Fluchtgeschichten innerhalb und außerhalb Europas. Nach der Machtergreifung Hitlers sind Zehntausende Menschen auf der Flucht vor dem NS-Regime, das nur seine eigene Wirklichkeit gelten lässt und andere wie Juden, Roma, Sinti, Strenggläubige, Sozialisten, Kommunisten und Intellektuelle, verfolgen und in Lager bringen lässt.
Diesmal steht das neutrale Portugal mit seiner Hauptstadt Lissabon im Fokus, in dem António de Oliveira Salazar (1889-1970) ab 1933 als Estado Novo (Neuer Staat) als eine konservativ-autoritäre Diktatur herrscht. Geschickt macht Salazar mit seiner Neutralitätspolitik sowohl den Alliierten als auch den Achsenmächten Konzessionen ohne sich eindeutig auf eine Seite zu stellen. Er laviert sich und sein Land durch die Jahre des Zweiten Weltkriegs, immer in der Angst, in den Krieg hineingezogen zu werden. So überlässt er sowohl den Deutsche als auch den Briten Bergbaukonzessionen für den Abbau von kriegswichtigen Bodenschätzen wie Wolfram. Die Anfrage NS-Deutschlands um den Verkauf von Tonnen von Sardinen, die als Mob-Verpflegung an Soldaten benötigt werden, wird als Sardinenkrieg in die Annalen eingehen.
Der ehemalige Gefreite Adolf Hitler weiß, dass man für einen Krieg im Osten haltbare, kalorienreiche und leicht zu transportierende Nahrung braucht. Ohne die Fischkonserven Portugals wird es keinen Endsieg geben.
Zudem überlässt Salazar Briten (und später den USA) See- und Flughäfen auf den Azoren und Madeira.
Obwohl Salazar Portugal vor einer Massenimmigration schützen will und so wenige Flüchtlinge wie möglich aufnehmen will, befinden sich zeitweise mehrere 10.000 Flüchtlinge in Portugal, die meisten davon in Lissabon. Dies ist vor allem einem Mann zu verdanken: Aristides de Sousa Mendes (1885-1954), dem portugiesischen Botschafter, der zunächst in Bordeaux, gegen den ausdrücklichen Befehl von Salazar, Tausende Sichtvermerke ausstellt und damit zum einem Leben rettet, aber gleichzeitig bei Salazar in Ungnade fällt. Zu Aristides de Sousa Mendes kann ich die Biografie von Dagmar Löhr empfehlen.
Doch zurück zu Alexander Smoltzcyks Buch, in dem wir über die Schicksale von Josephine Baker, Otto von Habsburg, Salvador Dali, Heinrich Mann, Hannah Arendt, Marc Chagall, Peggy Guggenheim, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Ian Fleming, Antoine de Saint-Exupéry, Jean Renoir, Arthur Koestler, Man Ray und vielen anderen lesen können.
Der Kriegsbeginn macht Josephine Baker zur Geheimagentin, den Diktator Salazar zum Hochseilartisten und das Hauptpostamt Lissabons zur Pilgerstätte.
Doch nicht alle warten auf eine rettende Schiffspassage oder ein Flugticket, egal wohin, sondern Lissabon ist der Hotspot der Spionage. Hier treffen sich offizielle Geheimdienstmitarbeiter, Gelegenheitsspione oder Agenten, die mehr als nur einer Seite dienen. Josephine Baker wird ihre Tourneen dazu nützen, Geheimdienstinformationen weiterzugeben und Ian Fleming, der sich als Mitglied des Marine-Nachrichtendienst zahlreiche Anregungen für seine späteren Romane rund um den Geheimagenten James Bond holt.
Immer wieder rückt Alexander Smoltzcyk Botschafter Aristides de Sousa Mendes in den Mittelpunkt seines Buchs, der zahlreiche jüdische Personen die Ausreise aus Europa ermöglicht hat, bevor er selbst unehrenhaft aus dem diplomatischen Dienst entlassen worden ist.
Das Buch, das wie ein Tagebuch aufgebaut ist und mit dem Juli 1939 beginnt und mit dem 6. Mai 1945 endet, ist ein Kaleidoskop dieser Jahre, in denen Personen verschiedenster Herkunft und unter unterschiedlichen Beweggründen sich in Lissabon aufhalten. Zahlreiche Abbildungen ergänzen diese Kapitel, die unterschiedlich lang sind. Einige umfassen oft nur wenige Zeilen, andere schildern detailliert Ereignisse wie z. B. den Schwarzabbau von Wolfram durch die verarmte portugiesische Landbevölkerung, die durch wenige Tage des illegalen Schürfen ein vielfaches ihres üblichen Jahreseinkommen erreichen.
Es gibt regelmäßig Seitenblicke nach London, Paris, New York, Washington oder Berlin.
Immer wieder treffe ich auf Namen wie die der Widerstandskämpferin und Fluchthelferin Lisa Fittko sowie Varian Fry, die ich auch anderen Büchern kenne.
Besonders aufschlussreich ist auch der Epilog, der das weitere Leben so mancher Personen, die in Lissabon der Jahre 1939 bis 1945 eine Rolle gespielt haben, erzählt. Zahlreiche Abbildungen, darunter historische Stadtpläne von Lissabon lassen uns tief in diese Zeit eintauchen. Dazu zählt auch eine Foto-Galerie von bekannten Persönlichkeiten von Hannah Arendt bis Max Schmeling, die in diesem Buch ihren Auftritt haben, inklusive des Berufs oder der Rolle, die sie gespielt haben, sowie dem Verzeichnis jener Adresse unter der sie in Lissabon erreichbar gewesen sind.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem eindrucksvollem von Lissabon, das für einige Jahre sowohl Stadt der Spione als auch Hafen der Hoffnung gewesen ist, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.