Gnadenopfer ist bereits der fünfte Band der Viveca Sten-Reihe, die sich um Hanna und Daniel dreht. Ähnlich wie bei der anderen Reihe bin ich immer mal an dem Punkt, wo ich mich frage, warum ich Sten eigentlich so treu bleibe, aber manches kann man einfach nicht erklären. Unter dem Strich ist die Åre-Morde-Reihe aber mehr mein Cup of Tea, denn es ist im Krimi-Anteil stärker. Schauen wir uns jetzt aber den fünften Band genauer an.
Mir hat es zunächst gefallen, dass dieser Band neue Impulse hatte. Das betrifft vor allem die Dynamik zwischen Hanna und Daniel, die so noch nie war. Natürlich war sein Verhalten überhaupt nicht eines Mannes seines Alters würdig und trotzdem war ich gar nicht so böse drum, weil die beiden bislang immer bestens zusammengearbeitet haben und nun an dem Punkt waren, dass es eben nicht klappte, weil der eine die andere abblockt. Generell entstand die Frage, wie es sich zwischen den beiden entwickelt, wer wie zu seinen Gefühlen steht. Ich finde zwar, dass sich immer relativ wenig im Privatleben tut, was dann wiederum durch die große Zeitsprünge zwischen den Bänden Dynamik bekommt, aber das war hier gar nicht so schlimm, weil wir genau an einem großen Scheideweg ausgekommen sind. Auch Anton hat wieder viel Raum eingenommen, was mich aber diesmal eher gestört hat, weil er im Fall so ungebunden war. Dadurch merkte ich, wie mein Interesse an seiner Hochzeit und mit seiner Familie die Situation nicht sehr hoch war.
Kommen wir nun zum Fall, bei dem ich zunächst bemäkeln möchte, dass er wie an den Haaren herbeigezogen wirkt. Man hat Stens Nachwort gemerkt, dass es ihr wichtig war, einen Bezug zum Pflegesystem herzustellen und das ist auch völlig in Ordnung, aber wie alles losging, da war Kommissar Zufall involviert und das nicht zu knapp. Denn auch wenn es inhaltlich runtergespielt wurde, aber Menschen sterben tatsächlich von jetzt auf gleich, deswegen waren die Sorgen der Angehörigen, die Hanna dann so angefixt haben, eine Ermittlung auszulösen, etwas hanebüchen. Den Fall an sich fand ich schon gut. Man hat zwar einen kleinen Personenkreis nur, der in Frage kommt und manche Fährten konnte man sehr zielsicher als falsch einschätzen und dennoch lag ich letztlich beim Verdächtigen nochmal daneben. Das hat Sten also clever gemacht.
Ich fand auch die Einbindung von Antons Schwester Karro als Leiterin des privaten Pflegedienstes eine clevere Idee. Das hatte etwas Persönliches und gleichzeitig hat man bei ihr eine Entwicklung erlebt, sodass sie noch selbst Blut geleckt hat, Erkenntnisse zu gewinnen. Durch die wie immer kurzen Kapitel war auch erneut der Lesefluss sehr genial zu händeln, weil es ging immer weiter und weiter. Die Dynamik war also sehr gut, aber es war nicht nur der Stil, der das begünstigt hat, sondern auch der Inhalt, weil auf vielen Ebenen etwas los war.
Fazit: Gnadenopfer ist ein durchschnittlicher Band aus der Reihe von Viveca Sten. Wie der Fall in Gang gesetzt wurde, das war doch etwas seltsam. Auch Antons Geschichte passte diesmal nicht gut ins Geschehen, aber es gab neue Impulse und einen gut erzählten Kriminalfall. Also gut, aber in genug Aspekten auch ausbaufähig.