Mit "Kleine Grausamkeiten" habe ich nun meinen dritten Roman von Liz Nugent gelesen. Er hat mir nicht ganz so gut gefallen wie "Sally" oder "Ruby", ist aber trotzdem eine Empfehlung wert.
"Alle drei Drumm-Brüder waren auf der Beerdigung, einer von uns allerdings im Sarg." Dieser Satz regt zum Lesen an. Will, Brian und Luke sind die drei Brüder, um die es geht. Ihre Mutter ist Schauspielerin und sehr überzeugt von sich selbst. Ihre Söhne sind ihr nicht gleich wichtig, daher stehen diese in einem dauernden Konkurrenzkampf. Nicht nur als Kinder, sondern auch noch als Erwachsene. Es geht um Frauen, Geld und Ruhm.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, in der wir aus der Perspektive der drei Brüder nach und nach erfahren, was passiert ist in dieser Familie. In Teil eins lernen wir die Brüder näher kennen, in Zeitsprüngen begleiten wir sie durch ihre Kindheit und ihr Leben als Erwachsene. Es sind unterschiedliche Charaktere, bei denen man nie so recht weiß, wo man bei ihnen dran ist. Will war mir von Anfang an unsympathisch, bei Brian und Luke schwankte ich dagegen in meiner Meinung. Mit dem Fortgang der Geschichte in Teil 2 konnte ich immer besser verstehen, warum sie handeln, wie sie handeln. Die Spannung baut die Autorin langsam auf. Die Frage, welcher der drei Brüder eigentlich im Sarg lieg und warum, bleibt fast bis zum Ende offen und hat mich bei der Stange gehalten. Was für eine Familie! Eine Familie, die niemand haben will. Sie verletzen sich gegenseitig physisch. Was als Rangeleien und kleinen Grausamkeiten in der Kindheit beginnt, wird im Erwachsenenalter zum Machtkampf ohne Rücksicht auf Verluste. Die verschiedenen Charaktere hat Liz Nugent sehr gut herausgearbeitet. Als Lesende schwankte ich zwischen Wut, Mitleid und Fassungslosigkeit. Die Auswirkungen auf das Umfeld der Brüder stellt Nugent ebenfalls gut dar. Ihre Sprache ist wie gewohnt besonders und eindringlich. Während des Verlaufs der Story gab es für meinen Begriff einige Längen. Diese entstanden durch Wiederholungen der Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Trotzdem fand ich die unterschiedliche Sicht der Brüder auf gleiche Begebenheiten interessant. Menschen beurteilen Situationen aus ihrer Perspektive, jeder auf seine Weise.
Für meinen persönlichen Geschmack kommt "Kleine Grausamkeiten" nicht ganz an die Vorgänger heran, ist aber trotzdem lesenswert. Nugents Stärke zeigt sich auch hier in der Beschreibung von Charakteren, die unterschiedlich und nicht unbedingt liebenswürdig sind. 4 Sterne und eine Leseempfehlung! Ich bin sehr gespannt auf weitere Bücher der Autorin, da sie aus der Masse herausragen.