Wir sind hier die Ernte, Jess. Sie pflücken und gebrauchen uns, dann werfen sie uns weg. (S160)
Wow, der Schreibstil ist echt wunderschön! Es gibt so viele kleine Textperlen, starke Sätze und tolle Gedanken und obwohl man ziemlich flott durch die Geschichte kommt, bin ich ständig über wunderschöne Formulierungen gestolpert. Lewis hat meiner Meinung nach eine ganz besondere Art, ihre Botschaft gleichzeitig kraftvoll und unaufdringlich rüberzubringen.
Ich liebe Rebellionen! Figuren, die für sich einstehen! Ein Klassenkampf mit mutigen verbündeten!
Jess, die Protagonistin, hat eine faszinierende Art, die Welt und ihre Zusammenhänge zu betrachten. Sie ist unglaublich klug. Ihre Gedanken wirken für ein 13-jähriges Mädchen teilweise schon ziemlich reif, aber gleichzeitig verstehe ich total, warum sie in der Geschichte nicht älter sein kann. Denn gerade dieses Alter macht so viel von ihrer Geschichte aus.
Überhaupt sind die Figuren für mich eine der großen Stärken des Buches. Cass ist eine so liebe Nebenfigur, auf der einen Seite stark, auf der anderen unglaublich zerbrechlich.
Jess' Mama ist für mich sogar eine der stärksten Figuren der ganzen Geschichte, obwohl sie selbst nie wirklich auftaucht.
Eliot fand ich ebenfalls sehr interessant. Er kommt vergleichsweise selten vor und ist trotzdem eine starke Figur. Besonders mochte ich, dass aus ihm und Jess keine Romance gemacht wurde. Er zeigt außerdem sehr deutlich, dass auch nicht alle Männer in diesem System wirklich eine Wahl haben.
Wobei das manchmal echt schräg ist, eigentlich möchte ich nämlich gar nicht von Männern und Frauen sprechen, weil viele von ihnen fast noch Kinder oder zumindest Teenager sind. Unfreiwillige Mini-Erwachsene. Keine Reife, die sich ganz natürlich entwickelt hat, sondern eine, die ihnen aus der Not heraus aufgezwungen wurde.
Überhaupt ist die Darstellung dieser Welt erschreckend. Frauen müssen, wie so oft, ihren Anteil unfreiwillig tragen und verlieren automatisch ihr Recht auf Selbstbestimmung. Unfassbar, aber leider überhaupt nicht unglaubwürdig. Menschen werden nach ihrem Wert eingestuft, und einige Aspekte der Geschichte wirken erschreckend real, wenn man bedenkt, dass Kinderarbeit auch heute noch in Teilen der Welt existiert.
Jess selbst fand ich unglaublich mutig. Sie ist sehr verkopft, denkt alles tausendmal durch und versucht, Zusammenhänge zu verstehen und trotzdem schafft sie es, für sich und ihre Werte einzustehen.
Eine Sache hat mich am Anfang tatsächlich gestört: Ich hatte das Gefühl, die Welt außerhalb von Jess' unmittelbarer Umgebung viel zu wenig kennenzulernen, aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass diese Kritik eigentlich völliger Quatsch ist, denn ich weiß als Leserin nun einmal nur das, was Jess weiß. Sie hat ihr ganzes Leben versteckt beziehungsweise eingesperrt gelebt. Natürlich hat sie nur ein sehr, sehr schwammiges Bild von der Außenwelt und dadurch passt diese gewisse Orientierungslosigkeit eigentlich ziemlich gut.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie viel die Geschichte gerade dadurch vermittelt, ohne alles bis ins kleinste Detail erklären zu müssen. Die Beschreibungen des Ist-Zustands sind gar nicht besonders ausführlich und reichen trotzdem aus, damit ein ziemlich genaues Bild entsteht.
Und dann dieses Ende. Dazu sage ich nur: Ich liebe es und ich hasse es.
Alles in allem bin ich total zufrieden mit der Story. Mehr noch, das Buch wird mir mit Sicherheit noch lange im Gedächtnis bleiben. Es schafft es, gesellschaftliche Themen aufzugreifen und dabei etwas sichtbar zu machen, das eigentlich zum Schreien ist. Wie blind wir manchmal sind, obwohl wir es doch besser wissen müssten.
Eine wirklich starke Geschichte, wunderschön geschrieben und mit einer Botschaft, die nachhallt.