Corby Ledbetter kümmert sich ums Haus und die zweijährigen Zwillingskinder, nachdem er seinen Job in der Künstlerbranche verloren hat. Seine Suche nach einer neuen Anstellung verläuft ergebnislos und deprimierend. Durch einen folgenschweren Fehler droht die junge Familie endgültig zu zerbrechen.
Einen überwältigenden Roman präsentiert Schriftsteller Wally Lamb mit Solange der Fluss wartet und schafft es mit seiner eloquenten und authentischen Erzählweise spielend auf meine persönliche Bestenliste. Der eindringlich geschilderte erste Teil des Buches weckt große Erwartungen, welche bis zum Ende hin nicht nur erfüllt, sondern sogar noch übertroffen werden. Lebensnah wird Corbys Alltag beschrieben, unglaublich kurzweilig erstreckt sich die Zeit bis hin zum Drama. Und auch danach geht es bestens recherchiert und realitätsnah weiter, nämlich bei der Gerichtsverhandlung und im ewig gleichen Trott des Gefängnislebens, das so ewig gleich gar nicht ist. Einzelne Tage werden herausgegriffen, das Dilemma des Gerechtigkeit suchenden Ledbetter auf erschreckend bildhafte Art und Weise zu Papier gebracht. Wie übersteht man als Neuling im Knast die ersten Stunden, Tage und Wochen? Wem kann man vertrauen? Kann man überhaupt jemandem unter den Mithäftlingen oder unter den Wärtern vertrauen? Kapitel mit nicht immer leicht zu lesender Kost folgen, die Brutalität muss gar nicht stets in Worte gefasst werden, oft reicht aus, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Wer meint, das war es dann, der wird völlig überrumpelt davon, wie dieser großartige Roman tatsächlich endet trotz meiner eher nüchternen Haltung habe ich die letzten Seiten mit Tränen in den Augen umgeblättert.
Unausgesprochene Gedanken, welche nie in Worte gefasst werden, können so unendlich viel Leid nach sich ziehen. Der Stellenwert von Reue und Vergebung wird oft gering geschätzt, vielleicht sollten wir nach diesem emotional so bewegenden Roman wieder einmal darüber nachdenken.
Ich wiederhole mich, wenn ich Solange der Fluss wartet als absolut lesenswert einstufe, aber nichts anderes kann man zu diesem Buch abschließend sagen. Fünf verdiente Sterne für ein Werk, das leider sehr nahe an ein realistisches Szenario herankommt.