Nehme ich das Buch eines mir bislang unbekannten Autors zur Hand, spielen viele Faktoren eine Reihe, die sonst nur eine untergeordnete Rolle spielen mögen, insbesondere Cover und Titel. Hier ein Windhund (mit Taube) und der Titel Ein guter Charakter es beginnt im Hirn zu rattern und die Neugier ist geweckt
In dieser Geschichte lernt man ein Paar bzw. dessen Reste kennen: Barr Pennington, der nach dem Auszug der Söhne und dem seiner Frau Dava ins Pflegeheim allein lebt. Und wie das so ist, wenn man allein ist und wenig mit sich anzufangen weiß bzw. das Alter eine Art Resümee verlangt, beginnt man zu wühlen: Barr stolpert dabei über Manuskripte, an denen Dava lange gearbeitet hatte, und veröffentlicht diese als sein Werk. Doch das bleibt nicht unentdeckt
Mehr sei zur Handlung nicht gesagt, da dies ein leises Buch ohne viel Handlung im Sinne von action ist. Vielmehr geht es hier um Innensichten, Wahrnehmungen, (verletzte) Gefühle, Liebe in verschiedensten Facetten und Verrat sowie die Beweggründe dafür. All das wird möglich auf der Leinwand einer Demenzerkrankung starker Tobak, könnte man sagen, aber dazu ist das Buch wie schon erwähnt zu leise. Ein Professorenehepaar, beide Literaten, womit das Setting eigentlich schon grob abgesteckt ist spätestens wenn (gerade) bei so einem Paar die verbindende Basis nicht mehr da ist, wird es schwierig. Barr findet sein Heil bzw. seine Verbindung bei einer Tierheimhündin, Dava hatte ihre schon zuvor bei einer Geliebten gefunden. Natürlich hat jeder aus beider Dunstkreis seinen Senf abzugeben, weshalb es passt, dass die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven (Barr, Dava, deren Kinder ) geschrieben ist. Und auch wenn das so wirkt, als würden die unterschiedlichen Wahrnehmungen herausgearbeitet (ja, das ist auch der Fall), werden insbesondere jedem sich stellende existenzielle Fragen bearbeitet (am Beispiel Barrs): Wollte Barr sich rächen, wollte er nur seine Portion Ruhm, als er Davas Manuskript als seins ausgab? Lässt die Liebe nach, wenn sich der Partner gravierend verändert, indem er etwa durch eine Demenz schwindet? Kann jemand und sei es ein Hund eine Brücke bauen, wo alle Brücken abgerissen scheinen? Und nach der Lektüre bei mir über allem schwebend die Frage: Wen meinte Julie Orringer mit dem Titel? Für mich am schlüssigsten den Hund. Warum bezeichne ich das Buch als leise? Weil mir beim Lesen immer wieder Everetts Ausradiert ein, wo der Held ebenfalls einen Wirbel in der Literaturwelt auslöst, aber dort geht es skurril zu, das tut es hier so gar nicht, was weitgehend am Schreibstil liegt: ruhig, besonnen, tastend, besser vermag ich es nicht zu beschreiben. Und was am auffälligsten ist: Vermutlich jeder, dessen Leben auch mal traurige Momente parat hielt, wird sich hier wiederfinden, sei es bei Besuchen im Pflegeheim, weil er betrogen wurde, weil jemand in der Familie pflegebedürftig wurde, ein Tier aus dem Tierheim die Seele berührte hätte es nicht die eine oder andere Länge gegeben, wären die 4,5 Sterne aufgerundet worden.