In diesem mitreißendem Buch stellt uns Autorin Barbara Sternthal elf außergewöhnliche Künstlerinnen, die zwischen 1890 und 1938 ihre Arbeiten als Malerinnen, Bildhauerinnen, Architektinnen und Fotografinnen anfertigten. Und das, obwohl den Frauen der Zugang zu Ausbildungsstätten wie Gymnasien, die Kunst-Akademie oder Technische Hochschule (heute TU Wien) verwehrt geblieben ist. So greifen die Frauen zur Selbsthilfe und betreiben mit Hilfe von jüdischen Mäzenen und engagierten Frauen wie Marianne Hainisch oder Olly Schwarz, die das Athenäum Abhaltung von Hochschulkursen für Frauen und Mädchen, gründet, eigene Ausbildungsstätten.
Wer sind nun diese elf Frauen, die Barbara Sternthal nach, wie sie selbst schreibt, höchst persönlichen Gesichtspunkten, ausgesucht hat?
Tina Blau (1845-1916), Malerin
Broncia Koller-Pinell (1863-1934), Malerin
Teresa Feododorowna Ries (1866-1956), Bildhauerin
Helene Funke (1869-1957), Malerin
Fanny Harflinger-Zakucka (1873-1854), Universalkünstlerin
Helene Taussig (1879-1942), Malerin
Ella Briggs, (1880-1977), Architektin
Stephanie Hollenstein (1886-1944), Malerin
Dora Philippine Kallmus aka Madame dOra (1881-1963), Fotografin
Vally Wieselthier (1895-1945), Keramikerin und Designerin
Friedl Dicker-Brandeis (1898-1944), Universalkünstlerin
Neben den Kurzbiografien dieser Künstlerinnen, die von zahlreichen Fotos ergänzt werden, lädt uns die Autorin ein, die damaligen Lebenswelten der Frauen im allgemeinen und der Kunstschaffenden im besonderen, kennenzulernen.
Gleichberechtigung? Eine Utopie.
Gegen Marginalisierung, Verniedlichung und Dilettantismus
Unter Ausschluss vereinigt
Allen Frauen ist gemein, dass ihnen, den Gepflogenheiten jener Zeit(en) künstlerische Tätigkeit lediglich als Hobby, als Zeitvertreib, neben Ehemann, Kindern, Haushalt und Religion, zugestanden wird. Ernsthaftes Kunstschaffen bleibt den Männern vorbehalten. Selbst wenn es Frauen gelungen ist, ihre Werke in Ausstellungen zu präsentieren, sitzen fast ausschließlich Männer an den maßgeblichen Stellen, die über die Vergabe von Förderungen und Preise gebieten. Also gründet frau auch hier: 1910 entsteht die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ).
Stephanie Hollenstein, deren Biografie von Nina Schedlmayer ich kürzlich gelesen habe, ist da vielleicht die Ausnahme. Ihr wird, als Bauerntochter in Vorarlberg, die Malerei gleich gar nicht zugebilligt, weshalb sie die Familie verlässt. Hollenstein ist auch jene Künstlerin in dieser Aufzählung, die durch ihre Begeisterung für die NSDAP, der sie schon früh beitritt, auffällt. Sie wird von 1939 bis 1944 die Präsidentin der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) sein. Ihr Werk wird erst ab 2001 kritisch betrachtet. Zuvor wird wird Hollenstein in ihrer Heimat lange Zeit als Lustenaus bedeutende Künstlerin verehrt, aber ihre NS-Vergangenheit verschwiegen und relativiert wird.
Die anderen Frauen haben als Töchter jüdischer Familien keine Wahl. Sie werden verfolgt, ihre Kunstwerke werden als entartet abqualifiziert, sie müssen emigrieren oder werden wie Helene Taussig und Friedl Dicker-Brandeis durch das NS-Unrechtsregime ermordet.
Mit der Ausstellung VALLY WIESELTHIER: Bild und Ton, die bis 10. Jänner 2027 zu sehen ist, widmet sich das Museum für Angewandte Kunst (MAK) in Wien, erstmals umfassend dem Werk der Wiener Keramikerin Vally Wieselthier in Europa und in den Vereinigten Staaten, wo sie ab 1928 lebte und arbeitete.
Und nach 1945? Die wenigsten kehren nach Wien zurück.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem aufschlussreichen Buch, das uns stellvertretend für andere, elf österreichische Künstlerinnen und ihre Werke aus der Zeit zwischen 1890 und 1938 vorstellt, 5 Sterne.