Jedes Jahr, wenn der Schnee in den Bergen zu schmelzen beginnt, erwacht die Mutter aus dem Winterschlaf. Abgemagert, noch leicht desorientiert, den Kopf voller Träume. Die Zwillinge holen sie in die Realität zurück, der Großvater, der Apo, wartet schon.
Es wird nicht viel gesprochen auf dem Hof in den Bergen, das Leben ist rau, archaisch, arbeitsreich. Die Kinder sind jetzt 10. Alt genug, laut Apo, um mit anzupacken.
Die Träume der Mutter sichern den Lebensunterhalt, denn die Menschen kommen von weit her, um der im Traum erlangten Weisheit der Mutter zu lauschen. Die Besucher*innen versprechen sich Zuversicht, Trost und Rat. In diesem Sommer aber ändert sich alles.
In Winterschlaf treffen Glaubenssätze aufeinander. Die urwüchsige, überlieferte, naturverbundene und von einer uralten Weisheit zehrende Welt der Familie wird im Ausverkauf zum Souvenir. Sie lockt Sinnsuchende genauso an wie Lifestyle-Tourist*innen. In Häppchen verpackt verkauft der Großvater die Visionen, die Bergwelt wird Projektionsfläche für Hoffnung, Wünsche und der Flucht aus dem Alltag.
Mario Petuzzi gelingt ein erzählerischer Geniestreich. Die Kinder bleiben namenlos, treten als eine Erzählstimme auf, sind eine nahezu ununterscheidbare Einheit, geschützt durch die Zweisamkeit.
Sie lavieren durch die aufeinanderprallenden Ideen, die die einzelnen Figuren verkörpern, bleiben eng beisammen, können sich nicht verirren, wenn sie nur aufeinander schauen. Sie sind Resonanzraum für Egomanie und Erwartungen, denn die Menschen suchen nach Antworten jenseits des Sichtbaren.
Als der nächste Winterschlaf näherrückt, verdichtet sich die Handlung, die Ereignisse spitzen sich zu, die Atmosphäre wird intensiver, die Welten treffen aufeinander.
Fortwährend schafft Mario Petuzzi den Transfer des Inhalts in die Form, folgt mit der Satzmelodie dem Zusammenspiel und Wechsel aus Traum und Realität, Ideal und Alltag, nimmt Perspektiven ein, beobachtet mit den Kindern, formuliert Prinzipien mit dem Großvater.
Winterschlaf erforscht höchst eigenwillig das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, hinterfragt Glaubenssätze, begegnet der Orientierungslosigkeit, lässt Deutungsspielräume und zeichnet kraftvolle Bilder, die sich einbrennen.
Das ist ganz starke Literatur aus dem Hause Diogenes.