Vor zwei Jahren war Der Friedhofswärter von Ron Rash eines meiner Highlights, und so war ich sehr gespannt auf Mit einem Fuß im Paradies. Auch wenn es erst jetzt auf Deutsch erscheint, handelt es sich hierbei um das Debüt des Autors aus dem Jahr 2002. Es spielt ebenfalls Anfang der 50er Jahre vor dem Hintergrund des Korea-Krieges in den Südstaaten, diesmal in South Carolina.
Holland Winchester, ein junger Heißsporn, Korea-Veteran und ortsbekannter Raufbold, wird vermisst. Seine Mutter ist fest davon überzeugt, dass er ermordet wurde, und Sheriff Will Alexander glaubt ihr. Er ahnt auch, von wem und warum, doch kann es nicht beweisen. Trotz großangelegter Suchaktionen in der erbarmungslosen Sommerhitze bleibt Holland verschwunden.
Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein Krimi klingt, Mit einem Fuß im Paradies ist keiner. Ron Rash erzählt den Fortgang der Handlung aus insgesamt fünf Perspektiven und spielt hierbei seine große Stärke aus: Mit klarer, bildhafter Sprache erweckt er nicht nur die einzelnen Charaktere zum Leben, sondern zeichnet ein detailliertes, atmosphärisches Bild der Landschaft und der Bewohner im Tal, ihrem Glauben und Aberglauben und den gesellschaftlichen Mechanismen, denen keiner entfliehen kann. Beim Lesen hatte ich alles so klar vor Augen, als wäre ich vor Ort: Die sengende Sommerhitze, das harte und arbeitsreiche Leben auf der Farm, und die Menschen, die seit Generationen dort verwurzelt sind. Die Eltern werden noch mit Madam und Sir angesprochen, im Dorf wird getuschelt und getratscht, man erzählt sich Schauermärchen über Hexen und Teufel. Eine Generation gefühlt zwischen Mittelalter und Moderne, kurz vor dem Untergang der alten Zeit, eine Zäsur, die durch die bevorstehende Flutung des Tals für einen geplanten Stausee auch landschaftlich sichtbar wird.
Ron Rash entwirft komplexe Charaktere, die gefangen sind in Tradition, Rollenbild und Glauben, moralisch hin- und hergerissen, die das Richtige tun wollen und dennoch straucheln.
Ich konnte Mit einem Fuß im Paradies nicht aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch gelesen. Es hat mich ebenso begeistert wie Der Friedhofswärter und ich hoffe sehr, dass weitere Werke von Ron Rash bald ins Deutsche übersetzt werden. Von mir eine große Leseempfehlung!