'Die Stille kennt deinen Namen' ist der Auftaktband einer neuen Reihe der bekannten Schweizer Autorin Petra Ivanov. Die Gebärdensprachdolmetscherin Bella Kron ist die ungewöhnliche Protagonistin des Krimis und hat es in ihrem ersten Fall mit der gehörlosen Christina Sartori zu tun. Die selbstbewusste und erfolgreiche Spitzenköchin wird seit über vier Monaten gestalkt, erhält Waren geliefert, die sie nie bestellt hat und erhält ununterbrochen Nachrichten, aus denen ersichtlich ist, dass sie ständig beobachtet wird. Wer der Stalker ist, weiß sie nicht. Bella übersetzt für Christina bei der Polizei und einer Beratungsstelle.
Erzählt wird aus Bellas Ich-Perspektive, so teile ich ihre Gedanken und Gefühle und auch Details ihres familiären und beruflichen Hintergrundes machen sie sehr nahbar. Christinas Verzweiflung und der Druck, unter dem sie steht, sorgen bei Bella für einen Konflikt zwischen professioneller Distanz und menschlicher Verantwortung, einen Konflikt, dem sie vor Jahren schon einmal erlebt hat. Die Gefühle beider Frauen haben mich berührt und wie sich Bellas Sicht auf Christina entwickelt, finde ich psychologisch überzeugend.
Bella beginnt zu ermitteln, unterstützt wird sie von ihrem Vater, einem pensionierten Polizisten. Die Autorin versetzt Bella geschickt in die Lage, Christinas Gäste und Mitarbeiter kennen zu lernen und nach verdächtigem Verhalten zu suchen. Bella schaut genau hin, ist fokussiert und berücksichtigt auch den Hintergrund, wie sie es auch bei der Arbeit macht.
Die Figurenzeichnung überzeugt auch bei Nebencharakteren, alle Personen sind glaubhaft und treten authentisch auf, sind mir sympathisch oder eher nicht. Ich habe gern mitgerätselt, konnte mich aber nicht auf eine verdächtige Person festlegen.
Petra Ivanovs Schreibstil ist klar, lebendig und fesselnd. Die Autorin war selber als Dolmetscherin tätig und hat gut recherchiert, sie vermittelt nicht nur Informationen über Leben und Herausforderungen Gehörloser, sondern auch über das aktuelle Thema Stalking, die beängstigende Ohnmacht und Belastung, die es für Betroffene bedeutet.
Zürcher Lokalkolorit und die atmosphärische Darstellung des idyllischen Braunwalds sind verlockend, ebenso die Möglichkeit, sich über Links Christinas Rezepte und einzelne beschriebene Gebärden anzusehen.
Das Cover mit den ansprechenden Farben, dem großen, universellen Handzeichen für 'Stop' und Christinas hell erleuchtetem Restaurant macht neugierig auf das Buch und gefällt mir. 'Die Stille kennt deinen Namen' hat mich mit ungewöhnlichem Setting, unterschwelliger Spannung, überraschender Wendung und logischer Auflösung sehr gut unterhalten.