Der Sound von Nirwana scheppert durch die Seiten, laut tönt zorniger, trauriger, aufbegehrender Grunge in meinem Kopf. In Bloom. Das ist das elektrisierende Debüt von Liz Allen. Smells like Teen Spirit und bringt ganz große Narrative zusammen und auf den Punkt.
Vier Teenager, die in einer zerrockerten, trostlosen Küsten-Kleinstadt im Australien der 1990er aufwachsen, gründen eine Band. Der Bandwettbewerb ist ihr Ticket raus aus der Tristesse. Kurt Cobain ist ihr Held, Grunge ihr Herzschlag. Aber Lily, die Leadsängerin, beschuldigt ihren Musiklehrer des sexuellen Missbrauchs, und damit platzt der Traum vom Bandwettbewerb. Denn der Lehrer wird suspendiert.
Die Mädchen mobilisieren all ihre Kräfte, doch am Rand der Gesellschaft ist es nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen.
Die Teenager sind dem sozialen Elend schutzlos ausgeliefert. Überforderte Mütter bringen gewalttätige, mit Drogen dealende, dauerhaft alkoholisierte Freunde in die Elternhäuser, Bildung wird zweitrangig, die Musik der Rettungsanker. Die Freundschaft ist Schutzraum und Bollwerk gegen die Übergriffe männlichen Machtmissbrauchs.
In Bloom hat eine unglaubliche sprachliche Wucht. Die Freundinnen sprechen mit einer Stimme, sie sind eins. Solange sie zusammen sind, sind sie sicher. Mit voller Energie ertönt ihre Stimme gegen jeden Zweifel und gegen die Hoffnungslosigkeit. Sie sind furchtlos, stellen skateboardend Nachforschungen über die Beschuldigungen an, trennen sich nie.
Erst als der Schutzwall bricht, verändert sich die Perspektive. Die schmerzhafte Realität dringt ein, doch mit ihr auch ein anderer Ton. Denn Sprache verändert alles. Sie benennt den Missstand, ermöglicht Verantwortung dem Individuum gegenüber und einen Ausweg.
In Bloom ist ein kraftvolles, energetisches Debüt, das in knappen Sätzen die ganze kaputte Welt der 1990er heraufbeschwört. Es erzählt von Armut und Entfremdung, der Schutzlosigkeit und hilflosen Wut alleingelassener Teenager, Machtmissbrauch, den Auswirkungen mangelnder Bildung, der Kraft der Freundschaft und dem Wunsch, gehört zu werden.
Die Übersetzung von Lisa Kögeböhn ist fantastisch. Sie fängt die Präzision der Sprache und transportiert den Klang der australischen Vorstadt immersiv ins Deutsche.
In Bloom ist ein Ereignis. Mit Musik im Kopf, Chucks an den Füßen und Centershocks im Bauch.