"Goliaths Auge" von Diego Muzzio ist ein kurzer Roman mit 205 Seiten, der es aber in sich hat! Ich liebe die Bücher aus dem mare-Verlag und wurde auch hier nicht enttäuscht!
Dr. Pierce ist Psychiater einer Nervenheilanstalt in den 20er Jahren. Er arbeitet mit neuen Hypnosetechniken und will dazu auch Vorträge halten und ein Fachbuch herausbringen. Ihm wird vom Vorstand des Northern Lighthouse Board ein neuer Patient gebracht der seltsame Verhaltensweisen aufweist. Er ist Ingenieur und war zuletzt als Inspekteur auf dem Leuchtturm Goliaths Auge eingesetzt. Seit er von dort zurückgekehrt ist und von seiner Zwangsjacke befreit wird, wirft er sich auf den Boden und beginnt mit Schwimmbewegungen. Er ist nicht ansprechbar, einzig sein Tagebuch gibt Einblick in seine Erlebnisse in Goliaths Auge und sein Leben.
Wir begegnen in diesem Roman Dr. Pierce und dem Ingenieur Bradley, den beiden Hauptprotagonisten. Ansonsten kommt der Roman mit wenigen Personen aus. Dr. Pierce hat im Krieg eine Verletzung durch einen Granatsplitter erlitten. Da dieser Splitter immer noch in seinem Kopf sitzt, leidet er an immer wieder auftretenden Schmerzen, die er mit Morphium bekämpft. Ingenieur Bradley lernen wir nicht nur als Patient, sondern auch durch sein Tagebuch kennen. Diego Muzzio schildert beide Persönlichkeiten sehr genau und ich konnte mich gut in sie hineinversetzen. Das langsame Abgleiten aus der Einsamkeit in den Wahnsinn Breadleys ist hervorragend ausgearbeitet und treibt den Lesenden doch den einen oder anderen Schauer den Rücken herunter. Die Beschreibungen des Meeres, des Leuchtturms und der Einsamkeit sind sehr atmosphärisch. Ohne jeden Sozialkontakt auf einer einsamen Insel in einem maroden Leuchtturm, grausam! Beide Charaktere kämpfen dazu noch mit ihren Kriegstraumata.. Während der Lektüre wurde mir an manchen Stellen nicht wirklich klar, was jetzt eigentlich Wahn, Halluzination oder Wirklichkeit ist und genau das macht den Roman auch aus!
Das Cover mit dem wellenumtosten Leuchtturm und dem Albatros, der um den Leuchtturm kreist passt hervorragend zum Roman und vermittelt die Düsternis , in der sich Bradley befindet.
Ich werde über diesen Roman sicher noch lange nachdenken und ihn auch mit etwas Abstand noch einmal lesen. Dieser Roman beschäftigt die Lesenden auch über das Ende hinaus und ist auf jeden Fall empfehlenswert und bekommt von mir 5 Sterne!