Mit der Reihe Störung systemisch behandeln nehmen die beiden Herausgeber Lieb und Rotthaus den Handschuh auf, der gelegentlich ins systemische Feld geworfen wird und gehen mit offenem Visier mit dem nicht besonders systemischen Begriff Störung um. Der dritte Band in dieser Reihe Ängste von Kindern und Jugendlichen behandelt ein Thema, dass in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie allgegenwärtig ist. Es wurde schon sehr viel darüber geschrieben, sodass man meinen könnte, es sei schon alles gesagt.
Weit gefehlt! Mit diesem kurzweiligen, spannend geschriebenen und sehr fundiert recherchierten Werk gelingt dem Autor in zehn Kapiteln der Spagat zwischen der Störungsbeschreibung und der systemischen Bedeutung des Umgangs damit. Einleitend betont der Autor die Bedeutung des Angstgefühls und nähert sich in den ersten Kapiteln dem Angstbegriff, seinen spezifischen Formen und seiner Symptomatik, von den Phobien bis zu den Albträumen. Dabei kommt auch die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken einer solchen Diagnose nicht zu kurz, eingebettet in verschiedene systemische Fragen, die beim Verhandeln derselben dienen können, z. B. zirkuläre oder lösungsorientierte Fragen. Er vertieft somit nicht erneut die Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Diagnosen, sondern beschreibt diese als gemeinsamer Nenner für alle, die sich mit der Angststörung befassen.
Besonders eindrucksvoll gelingt ihm der Blick hinter die Störung, womit er sich auch von der Linearität der Ursachenforschung absetzt. Rotthaus betont auch, dass die Neurobiologie der Angststörung nicht nur dazu da ist, die Sinnhaftigkeit einer medikamentösen Behandlung zu untermauern, sondern vor allem deutlich macht, dass auch Psychotherapie neurobiologisch fundiert ist und dort Veränderungen erzeugt. Indem er sich auch mit der Herkunft der verschiedenen Störungsbegriffe auseinandersetzt ( Alben (Elfen) waren in der germanischen Mythologie für die (schlechten) Träume zuständig ; S. 51), schafft er es immer wieder Wissenswertes mit bereits Bekanntem zu verknüpfen und so das Lesen eines Fachtextes mit diesen Elementen in einen kontinuierlich spannenden Exkurs zu verwandeln. Als Zuwanderin in den Nordwesten hat mich natürlich sehr beeindruckt, dass sogar die ostfriesischen Kirchenbücher bemüht wurden, um die Angststörung in ihren Auswirkungen aus historischer Sicht zu beschreiben. Im 6. Kapitel werden das Störungsverständnis, sowie die Therapieansätze aus psychodynamischer, aus gestalttherapeutischer, aus personenzentrierter, aus verhaltenstherapeutischer, aus bindungs- und schematherapeutischer Sicht dargestellt, um anschließend das systemische Störungsverständnis zu erläutern. Dieses wird anhand der unterschiedlichen Bedeutungen, die die Angststörungen aus systemischer Sicht haben kann, sehr umfassend gemacht.
Am interessantesten erscheint der Ansatz die Angst als Signal für anstehende (familiäre) Entwicklungsprozesse zu verstehen. Im Kapitel der systemischen Therapie der Angststörung wird auf über 100 Seiten die Vielfalt der Therapiemöglichkeiten dargestellt, so auch ein Unterkapitel zur systemischen Hypothesenbildung. Der Stellenwert der Hypothese im systemischen Denken ist vergleichbar mit dem der Diagnose. Da wir zwangsläufig Hypothesen bilden sobald wir Patient:innen begegnen, kommen wir nicht umhin uns mit diesen Hypothesen kritisch auseinanderzusetzen. Es werden ansonsten alle entscheidenden systemischen Entwicklungen der vergangenen Dezennien neutral nebeneinander dargestellt. Hervorzuheben ist die anschauliche und praktische Darstellung durch viele kurze oder auch längere Fallvignetten. Dazu werden Bezüge zur Literatur hergestellt, die zu weiteren Perspektiverweiterung einladen. So ganz nebenbei erfährt man dann, dass auch Goethe es mit einer Angststörung zutun hatte. Der therapeutische Teil ist von sehr viel Praktischem, für den therapeutischen Alltag sehr Nutzbarem versehen. Zum Abschluss folgt ein sehr kurzer Abschnitt zur medikamentösen Therapie. Mit dem Buch hat Wilhelm Rotthaus die Messlatte für die weiteren Bände der Reihe sehr hoch gelegt. Es wäre zu wünschen, dass alle Bände das Niveau, die praktische Umsetzbarkeit und die Lesbarkeit dieses 3. Bandes erreichen.
Prof. Dr. med. Filip Caby