Margaret ist eine Figur, die nicht immer leicht zu verstehen ist. Gerade am Anfang hat manches an ihrem Verhalten überrascht. Sie hat selbst lange für ihren eigenen Weg kämpfen müssen und ausgerechnet bei Alexa fällt es ihr schwer, deren Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben zu akzeptieren. Dieser Gegensatz zieht sich durch die Geschichte und hat mich beim Lesen immer wieder beschäftigt.
Die Geschichte nimmt sich Zeit. Das passt gut zu der Epoche und zu den Menschen, um die es hier geht. Nach und nach wird deutlich, wie sehr Erwartungen, Herkunft und das Erbe einer Familie das Leben der einzelnen Figuren bestimmen. Dabei geht es nicht nur um Besitz, sondern auch um Verantwortung, alte Fehler und die Frage, ob jeder seinen eigenen Weg gehen darf.
Alexa sorgt dafür, dass vieles noch einmal in Bewegung gerät. Ihr Traum, Opernsängerin zu werden, bringt neue Spannungen in die Familie. In den Gesprächen zwischen Alexa und Margaret wird immer deutlicher, wie unterschiedlich beide denken, obwohl sie sich ähnlicher sind, als ihnen selbst bewusst ist. Gerade diese Entwicklung fand ich viel interessanter als große dramatische Ereignisse.
Das England am Ende des neunzehnten Jahrhunderts entsteht ganz nebenbei vor Augen. Das Leben der Menschen, die Stellung der Frauen und die Möglichkeiten, die ihnen offenstanden, fügen sich ganz selbstverständlich in die Geschichte ein. Nichts wirkt aufgesetzt oder wie eine Geschichtsstunde. Vieles ergibt sich einfach aus dem Alltag der Figuren.
Schön war, dass bekannte Personen aus dem ersten Band wieder auftauchen und ihre Entwicklung nachvollziehbar weitergeht. Gleichzeitig bekommen die neuen Ereignisse genügend Raum, sodass keine Wiederholung entsteht. Dadurch bleibt die Geschichte lebendig und macht neugierig auf den weiteren Verlauf der Familiensaga.
Manche Entscheidungen haben erst einmal ratlos gemacht. Verständnis und Kopfschütteln lagen manchmal dicht beieinander. Solche Momente haben die Geschichte für mich noch lebendiger gemacht, weil sie gezeigt haben, dass niemand nur richtig oder falsch handelt.
Für mich ist es eine ruhige Fortsetzung, die den Blick vor allem auf die Menschen richtet. Vieles entwickelt sich langsam, aber genau dadurch bekommen die Figuren genügend Raum. Am Ende bleibt die Neugier, wie die Geschichte der Familie Lorimer weitergehen wird. 4 Sterne.