In den letzten Jahren hat sich in der Wissenschaft ein besseres Verständnis für das Verhalten vor allem wilder Tiere herausgebildet. Neue Fragestellungen kamen auf: Was treibt Tiere an? Wie lernen sie? Wie treffen sie Entscheidungen? Haben Tiere Erwartungen? Spüren sie Enttäuschung? Empfinden Tiere Empathie? Haben sie Zweifel? Was bedeutet Freiheit für ein Tier? So rückte das einzelne Tier ins Zentrum der evolutionsbiologischen Forschung - ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Intelligenz, Emotionen und Persönlichkeit.
In einigen Situationen drängt sich die Frage auf, ob zumindest manche Tiere über einen «Sinn für Fairness» verfügen oder ihn entwickeln können. Im klassischen Laborexperiment dazu werden beispielsweise zwei Rhesusaffen oder zwei Papageien in benachbarten Käfigen Futterstücke präsentiert, die sie gegen Jetons eintauschen können. Allerdings sind die angebotenen Bissen sichtlich verschieden, sodass das eine Tier eine weniger begehrte Kost in Aussicht hat als sein Nachbar. Die paarweisen Vergleiche unter sogenannten intelligenten Tierarten - Affen, Papageien und Krähenvertretern - führten zu vollkommen widersprüchlichen Ergebnissen. Das Wiener Forschungsduo Claudia Wascher und Thomas Bugnyar nahm sich Rabenkrähen und Kolkraben vor. Die benachteiligten Individuen tauschten ihr «Wechselgeld» nicht gegen das im Vergleich zu ihren Nachbarn unterwertige Angebot. Auch Kapuziner- und Rhesusaffen schlugen die minderwertigen Belohnungen aus. Genauso lehnten dies Ratten ab. Sie alle legten damit eine Aversion gegen ungleiche Behandlung an den Tag. Demgegenüber ließen etliche andere Arten, wie Nachtaffen und die sonst so gelehrigen Geradschnabelkrähen und Keas, die Ungleichbehandlung anstandslos zu.