Lebendige Dinge entwickelt sich von einem Trip nach Frankreich zum Sommerjob zu einem dystopischen Öko-Thriller mit zerstörerischer Kraft. Unerträglich detailreich und fast investigativ leuchtet Munir Hachemi die Bedingungen ausbeuterischer Arbeit aus, setzt seine Protagonisten dorthin, wo Kapitalismus, prekäre Arbeitsbedingungen, Immigrationsdilemmata und Massentierhaltung in einem dicht verwobenen Geflecht ineinandergreifen.
Lebendige Dinge beginnt als Essay, als Abhandlung über das Geschichtenerzählen. Munir Hachemi befragt die Literatur nach ihrer Möglichkeit, die Wahrheit abbilden zu können. Sein Bericht sei für bare Münze zu nehmen, nichts davon sei metaphorisch zu lesen. Und dennoch ist es der Literatur immanent, in den Brüchen eine tiefere Ebene zu öffnen, ohne Sinnzuschreibung durch Erfahrung gibt es keine Literatur.
Und Erfahrungen zu sammeln war das erklärte Ziel der vier Freunde. Sie fahren von Madrid nach Frankreich, um im Sommer bei der Weinlese zu helfen. In diesem Jahr gibt es allerdings keine Weinlese, stattdessen landen sie in den katastrophalen Mechanismen der Lebensmittelindustrie. Sie erleben latenten und offenen Rassismus, Ausbeutung und Verschleierung.
Munir Hachemi greift auf ein probates Mittel in der Literatur zurück, reflektiert über das Schreiben und erforscht die Frage, ob die Literatur überhaupt von etwas Wahrem berichten kann. Gleichzeitig öffnen die Leerstellen zwischen den Wörtern und Sätzen einen Blick auf die Wahrhaftigkeit des Grauens.
Lebendige Dinge ist ein fruchtloser, gesellschaftspolitischer Roman über den Schrecken im alltäglichen Zustand der Welt, in den Köpfen und in der Routine. Wohlstand als System hat dramatische Auswirkungen.
Selbstverständlich ist das aufregende Literatur.