Meine Klasse. Wer hat überlebt?
Ich habe unlängst ein Klassenfoto aus meiner Schulzeit von 1976 in Händen gehalten und mich gefragt, was aus den achtzehn Schulkolleginnen und Kollegen geworden ist. Den Verbleib der meisten konnte ich über die alte Klassenliste unter anderem im Internet entdecken. Vier sind bereits verstorben, doch von drei Kollegen fehlt jede Spur. Das hat mich betroffen gemacht.
Wie sehr muss es daher jene Personen, die auf dem Klassenfoto von 1937 abgebildet sind, treffen, nichts über ihre früheren Mitschülerinnen und Mitschüler zu wissen? Haben sie den NS-Terror überlebt? Was ist aus den anderen geworden?
Dank einer bemerkenswerten Studie, der Grundlage dieses Fotos ist, ist es Kristina Milz & Julia Schneidawind, zwei engagierte Forscherinnen an der Ludwig-Maximilian-Universität gelungen, die Geschichte der abgebildeten Kinder zu rekonstruieren.
Dieses Buch ist das Ergebnis der Forschung und erzählt die Geschichte der 46 Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse der Jüdischen Volksschule in München von 1937. Neben Dokumenten aus diversen Archiven enthält das Buch Ausschnitte aus Tagebüchern, Briefen und autobiografischen Aufzeichnungen von einigen sowie Interviews der Autorinnen, mit jenen, die überlebt haben. Es ist die erschütternde Dokumentation von Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung, von einer Jugend ohne Perspektive, von Abschieden, von lebensrettenden Kindertransporten nach England, Emigration mit und ohne Eltern in völlig unbekannte Länder. Wir lesen aber auch von Deportation in Ghettos nach Polen, in die Vernichtungslager sowie - selten aber doch - das Überleben als U-Boot in Deutschland. Elf Kinder werden die NS-Diktatur nicht überleben.
Manch einer wird sich fragen, warum noch ein Buch über die NS-Zeit? Es ist doch eh alles bekannt, eh alles erzählt. Das besondere an diesen Forschungen und ihrem Ergebnis ist, dass wir die betroffenen Kindern namentlich kennen lernen. Sie heißen Hugo, Bertel, Sigi und Mella, einer sogar Adolf. Dadurch heben sie sich aus der Masse der Verfolgten und Ermordeten heraus.
Wir erfahren, wie sie zuvor gelebt haben. Die einen in gut bürgerlichen Haushalten mit Kindermädchen, andere wiederum eher bescheiden. Interessant ist das Schicksal jener Kinder, die aus sogenannten Mischehen hervorgegangen sind. Also wenn entweder Vater oder Mutter nicht jüdisch waren. Aber hier will ich dem Buch nicht vorgreifen. Wie sich ihre Lebensweise schrittweise verschlechtert hat, vom Ausziehen aus der komfortablen Villa oder Wohnung, in eine der vielen Sammelwohnungen bis hin zur Ausreise in die Freiheit bzw. in den Tod.
Manch einer/eine, der Überlebenden, macht sich später auf die Suche nach den ehemaligen Schulfreunden und trägt diese eine Frage ein Leben lang mit sich: "Warum habe ICH überlebt? Warum nicht die anderen aus meiner Klasse?"
Im Rahmen der Forschungsarbeit hat es auch das eine oder andere Wiedersehen zwischen den ehemaligen Schulkindern gegeben.
Das Bedenken der Autorinnen, ihr Buch käme zu spät, kann ich nicht teilen. Es ist nie zu spät, die Gräuel des NS-Unrechtsregimes zu benennen. Vor allem vor dem Hintergrund des Wiedererstarken des Antisemitismus, nicht nur in Deutschland oder Österreich. Holen wir stellvertretend für die Millionen oft namenlosen Opfer der Shoa, jene in unser Gedächtnis zurück, deren Namen wir kennen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem beeindruckenden Buch, das seinen Anfang in einem Klassenfoto aus 1937 nimmt, 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung.