Als Österreicherin bin ich, trotz der Lektüre zahlreicher Bücher, mit den Gepflogenheiten in der ehemaligen DDR nicht sehr vertraut. Dennoch glaube ich mich erinnern zu können, dass die hohe Quote der Vollzeit arbeitenden Frauen auch bei uns immer wieder als vorbildlich dargestellt worden ist. Dass dieser Fortschritt in Sachen Gleichbehandlung einen ziemlichen Haken hatte, ist nicht erwähnt worden. Nämlich die Fremdbetreuung von ca. 500.000 Kindern bereits im Säuglingsalter und zudem noch die ganze Woche und über Nacht. Daher ist dieses Buch ein echter Gewinn an historischem Wissen für mich, zumal es Bekanntes zurechtrückt.
Alexander Teske hat nicht nur Betroffene, wie den Schauspieler Jan Josef Liefers, sondern Therapeuten und Wissenschaftler befragt. Denn dass die Fremdbetreuung ab dem Säuglingsalter Spuren in der Psyche der Kinder hinterlassen hat, ist wohl vorstellbar. Vor allem Säuglinge von Alleinerzieherinnen und Schichtarbeiterinnen (absichtlich verwende ich hier nur die weibliche Form) sowie KünstlerInnen werden hier in ehemaligen Villen kasernenähnlich untergebracht. Wenig persönliche Zuwendung sondern Aufbewahrung und Verpflegung sind die Standards. Obwohl sich die DDR eine rigide Abkehr des NS-Staates auf die Fahnen heftet, scheint in manchen Betreuerinnen ein ähnlicher Geist zu herrschen. Die Kleinen nächtens im Bett fixieren, Beruhigungsmittel geben, zu festen Stunden im Kollektiv auf die Toilette gehen müssen - schwarze Pädagogik statt Fürsorge und Liebe. Den Müttern hat man anderes vorgegaukelt. Allerdings hatten sie kaum eine Wahl, nicht arbeiten zu gehen, wäre in der Diktion der DDR-Gesetze asozial und Verrat am Staat. Dann doch lieber die Kinder misshandeln.
Viele dieser Kinder haben Traumata davongetragen und erst viel später erfahren, dass sie ein solches Wochenkind waren. Wie es zur die Bezeichnung Wochenkind gekommen ist? Die meisten der Kinder durften nur ab Samstag mittags bis Sonntag abends zu ihrer Familie, die ihnen oft fremd ist.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das noch lange in mir nachhallt, 5 Sterne.