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Hanseaten

Von stolzen Bürgern und schönen Legenden.
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Produktdetails

Titel: Hanseaten
Autor/en: Matthias Wegner

ISBN: 3570550710
EAN: 9783570550717
Von stolzen Bürgern und schönen Legenden.
mit zahlreichen s/w-Abbildungen.
Pantheon

16. Juni 2008 - kartoniert - 461 Seiten

Matthias Wegner, Publizist und gebürtiger Hamburger, erzählt von hanseatischen Menschen, ihren Schicksalen und Traditionen von den Anfängen der Hanse bis in unsere Zeit. Dabei spannt er einen weiten Bogen von Bremen über Hamburg nach Lübeck und entfaltet zugleich eine fast tausendjährige Geschichte von großen Leistungen und herben Schicksalen, von Ruhm und Ehre, aber auch von Schmach und kläglichen Niederlagen.


Matthias Wegner, geboren 1937 in Hamburg, studierte Literatur- und Kunstgeschichte. Nach vielen Jahren als Verlagsleiter (Rowohlt, Bertelsmann) ist er seit 1990 freier Publizist und Herausgeber. Er verfasste zahlreiche Bücher, darunter "Hamburg" (1994) und "Klabund und Carola Neher. Eine Geschichte von Liebe und Tod" (1996), "Ein weites Herz. Die zwei Leben der Isa Vermehren" (2003).
Der Norden war immer oben. Wann immer der Geographie-Lehrer in unserem Münchner Klassenzimmer die brüchige, leinene Deutschlandkarte an einem bedenklich schwankenden, fast an die Decke reichenden Holzständer befestigte, sie entrollte, um dann mit seinem langen, hölzernen Stab vor unseren gelangweilten Augen darauf herumzufahren, störte ich mich daran. Schließlich lag unser München mehr als fünfhundert Meter höher als die Nord- und Ostseeküste, und überdies fühlten wir da oben uns denen da unten unendlich überlegen. Dort oben - dort unten - zu leben, mußte der sibirischen Verbannung gleichkommen. Als eine von mir sehr verehrte Mitschülerin eines Tages heulend berichtete, daß ihr Vater nach Hamburg versetzt werde, sie also im nächsten Schuljahr dorthin übersiedeln müsse, bemitleideten wir sie sehr.
Freilich, auf mich traf dieser für uns alle ganz und gar selbstverständliche München-Patriotismus nur mit einer Einschränkung zu, denn ich war im September 1937 am Hamburger Leinpfad als Sohn eines hamburgischen Vaters geboren worden. Im Alter von zwei Jahren, bei Ausbruch des Krieges, hatte es mich mit Mutter und Schwester an den Rand von München verschlagen, wo ich die nächsten zwanzig Jahre bleiben sollte. Mein Vater mußte zum zweiten Mal in einen Krieg ziehen. Danach hatte er als eingefleischter Hanseat, dessen Familienbande sich über Hamburg, Bremen und Lübeck verzweigten, sein Leben in Hamburg wieder aufgenommen.
Wann immer er uns nun besuchte und vom Norden erzählte, vermochte mich nichts daran zu fesseln: weder das flache Nord- und Ostsee-Land, dessen Weite er den Hügeln und Bergen unserer Umgebung vorzog, noch gar die befremdlich nüchternen Weihnachtsbräuche (er ließ nur weiße Kerzen und Silberlametta gelten - für uns mußte ein Weihnachtsbaum rote Kerzen, Lebkuchen, Rauschgoldengel und Goldlametta tragen, ganz zu schweigen von dem malerischen Klimbim vom Münchner Christkindlmarkt). Wir zerrten ihn durch Dorfkirchen und Klöster von der Wies bis nach Berchtes
gaden, durch die Märchenschlösser des Bayernkönigs Ludwig II., zeigten ihm am Ostufer des Starnberger Sees ehrfürchtig dessen Sterbestelle, führten ihm stolzgeschwellt unsere Skikünste vor, verblüfften ihn mit bayrischen Gutturallauten und wanderten mit ihm auf Bergspitzen, das Land der Bayern mit glühender Seele suchend.
München mauserte sich allmählich zur heimlichen Hauptstadt der alten Bundesrepublik. Anders als in anderen Städten hatte man die Verschandelung seines alten Stadtbildes durch Neubauten in Grenzen halten können. Gewiß: die politischen Verhältnisse in München und Bayern waren - es entging uns nicht, aber es störte uns auch nicht - konservativ, restaurativ, zuweilen auch aggressiv gegenüber allem Fremden. Der Fortschritt schien anderswo, nördlich von München, zu Hause. München war auch damals längst wieder die Stadt der brachialen, nicht unter strenger Kühle verborgenen Widersprüche, zwischen Heidnischem und Christlichem, Sinnenlust und Arbeitswut, ein Schmelztiegel unterschiedlichster Strömungen und Zuagroaster, eine außerordentlich lebendige Mixtur aus Bodenständigkeit, hemdsärmeliger Opposition und den neuen Einflüssen der ausländischen Besucher, allen voran die von uns bewunderten Amerikaner.
Nach dem Ende der Hitler-Jahre, deren politische Bedrückung wir dank der vorsichtigen, aber eindeutigen Anti-Haltung unserer Mutter zu verdrängen rasch gelernt hatten, war München bald wieder eine aufregende Drehscheibe der Kultur geworden: hier lebten viele Schriftsteller, blühte sowohl das klassische wie das neue, vornehmlich aus Frankreich und den angelsächsischen Ländern importierte Theater, hier gab es eine reichhaltige Musik- und Malerei-Kultur, hier gab es eine Süddeutsche Zeitung, die dank ihres Chefredakteurs Werner Friedmann regionale und lokale Interessen, geistiges Weltniveau und Toleranz auf eine bis heute nicht übertroffene, ebenso amüsante wie seriöse Weise zu verbinden wußte. Unmittelbar nach dem Kriege hatte es die von amerikanischen
und jungen deutschen Journalisten redigierte Neue Zeitung gegeben - ihre Lektüre markierte die erste, unvergeßliche Begegnung mit einer neuen Zeit und einem neuen München, dessen grobschlächtige Nazis nun wie vom Erdboden verschlungen zu sein schienen.
Als ich viele Jahre später Karl Wolfskehls Essay Das unsterbliche München las, den der 1933 außer Landes gejagte Dichter wenige Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme geschrieben hatte, verstand ich nur allzu gut, was er mit den Worten gemeint hatte: Die einzelnen Persönlichkeiten, die einzelnen Gruppen, die Ideen, die Methoden: alles fand hier in irgendeiner Weise oder irgendeiner Epoche und Phase seines Werdens eine entscheidende Einwirkung. War München nicht die Geburtsstätte geistiger Bewegungen, so wurden die anderswo entstandenen Keime hier zum Blühen gebracht oder kamen als mehr oder weniger absurder Most hier zum Gären, ihr besonderer Lebensduft entwickelte sich hier, schuf und belebte die Atmosphäre, die München zauberisch umgab; die unnachahmlichen Lebensmöglichkeiten erzeugten für Jugend und Geist eben >MünchenWas mir damals einen bis heute sehr gegenwärtigen Eindruck machte, war die münchnerische Verbindung von Volks- und Hochkultur, die Erfahrung, daß sich in dieser Stadt aufsässiges, die Obrigkeit attackierendes Bauerntheater und klassisches Theater auf wundervolle Weise ergänzten. Ähnlich verhielt es sich mit der Volksmusik, die trotz oder gerade wegen ihres in Jahrhunderten gewachsenen, alles andere als stereotypen Traditionalismus eine provokante Freude am eigenwilligen, respektlosen Umgang mit eingefahrenen Verhaltensmustern verströmte. Das Festhalten an Trachten und Ritualen hat in Bayern die Entfesselung einer kritischen Phantasie nie wirklich behindert - Katholizismus und Aufsässigkeit, strenge Geistes-Disziplin und künstlerische Höchstleistungen (der Bayrische Rundfunk erschien uns mit seiner behaglichen Mischung aus lockerem Humor und intellektuellem Anspruch als deren Gralshüt
er) verbanden sich für mich mit einer stimulierenden Leichtigkeit und ansteckenden Freizügigkeit. Daß Ludwig Thoma unter Pseudonymen antisemitische und reaktionäre Hetzschriften initiiert hatte, konnten wir später, als die Einzelheiten darüber zum Vorschein kamen, nicht glauben.
Inzwischen reiste ich in den Ferien notgedrungen nach Hamburg, wo mich mein Vater rastlos mit norddeutscher Lebensart und der gesitteten Zurückhaltung sorgfältig gekleideter Familienangehöriger und Freunde bekannt machte.

"Wegner räumt auf mit dem Missverständnis Hanseatentum." Süddeutsche Zeitung

"Wortreich und gut lesbar!" Hamburger Abendblatt

"Fast alles, was man über die Hanseaten wissen muss, wenn man sich mit ihnen einlässt." Neue Zürcher Zeitung
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