»Was ich noch vergessen wollte ...« PETER ENSIKAT
Peter Ensikat hat über drei Jahrzehnte lang die Kabarettszene der DDR maßgeblich geprägt. In seinem neuen Buch betrachtet er die Welt gelassen, auf verhalten satirische, höchst amüsante Weise. Er rückt Erich Honecker in eine verblüffende Nähe zum letzten sächsischen König, und er entdeckt erstaunliche Parallelen zwischen sich und einem Satiriker aus brauner Zeit. Und er fragt sich, wie System erhaltend seine Rolle als Kabarettautor mit »hohen staatlichen Auszeichnungen« wohl gewesen sein mag, wo er doch effektiv nichts tat, um das ungeliebte Regime zu verhindern.
Peter Ensikat über sein neues, autobiographisch gefärbtes Buch: »Zur falschen Zeit (zur Nazizeit), am falschen Ort (im Osten), in falschen Verhältnissen (armen) geboren und aufgewachsen in einer untergegangenen Gänsefüßchenrepublik, der einst nur so genannten, jetzt ehemaligen Ex-DDR. Mit den Jahren dämmerte mir, dass ich was dafür kann, dass ich nichts dafür konnte. Ich habe die falsche Vergangenheit. Leugnen hilft nicht, ich bleibe auch als Derzeitiger ein Ehemaliger.«
Zwei Fotos in seinem Schreibtisch - eines zeigt den Autor mit Erich Honecker, als der ihm 1988 den Nationalpreis überreichte, das andere seinen Schwiegervater mit dem letzten sächsischen König - bilden den Hintergrund für Geschichten über Geschichte, bieten dem Autor einen brillanten Einstieg für satirische Betrachtungen über zwei Wendezeiten in Deutschland, über fremde und eigene Verstrickungen in nicht gerade menschenfreundlichen Zeiten.
Dazu Ensikat: »Mein Schwiegervater empfand die Novemberrevolution von 1918 als persönliche Niederlage. Für mich war die Wende 1989 zugleich Befreiung und doch auch Niederlage. Ich gehörte zu den Ersten, die unter dem Ast lagen, an dem wir so lange gesägt hatten. Auch der Verlust eines Gegners kann ein Verlust sein. Jedenfalls waren es zwei Revolutionen - die eine habe ich erlebt, von der anderen habe ich gelesen. Nachdem ich jetzt lese, was über die von mir erlebte Revolution geschrieben wird, misstraue ich allem, was ich über die andere gelesen habe.«
Inhaltsverzeichnis
1;Inhalt;6 2;Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken;10 3;Alte Fotos;14 4;Sein König und mein Staatsratsvorsitzender;21 5;Bruder Honecker;28 6;Die Herrscher und ihre Narren;31 7;Sachsens Kriegshelden;42 8;Die richtige und die falsche Seite;49 9;Die Russen kommen;56 10;Wenn es mal wieder anders kommt;61 11;Was tut man, wenn es anders kommt?;67 12;Wie wäscht man sich rein?;77 13;Opfer gibt es immer wieder;84 14;Bruder Reimann;94 15;Wie emigriert man nach innen?;98 16;Vom vergangenen Glück deutscher Zweistaatlichkeit;111 17;Ein Feind, ein guter Feind;131 18;Sag mir, wo die Blumen sind oder Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?;144 19;Die Unaussprechliche;152 20;Armut ist ein Glanz von innen;164 21;Der Patriot in uns und um uns herum;169 22;Wie ich den Himmel offen sah;182 23;Wir sind das Volk, aber wer sind die anderen?;190 24;Wer hat die Wende gewonnen, wer verloren?;205 25;Freiheit oder soziale Sicherheit;215 26;Wann ist die deutsche Einheit vollendet?;224 27;Wenn wir alle Sachsen wären;227 28;Von der Gnade, eine Zeitenwende zu erleben;238 29;Vom Realitätsverlust der Politik;253 30;Sinn und Form oder Die Banalität des Banalen;263 31;Wenn wir erst alle Rentner sind;272 32;Wie lustig ist die Spaßgesellschaft?;279 33;Von den Vorzügen der Diktatur;284 34;Was bleibt übrig? Eine Fußnote im Geschichtsbuch;294 35;Die wunderbare Zeit der Anarchie;303 36;Multikulti - ein westeuropäischer Irrtum;312 37;Glücklich ist, wer vergisst;318