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Die Nacht des Don Juan

Roman. 'btb'.
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Produktdetails
Titel: Die Nacht des Don Juan
Autor/en: Hanns-Josef Ortheil

ISBN: 3442724783
EAN: 9783442724789
Roman.
'btb'.
btb Taschenbuch

25. März 2002 - kartoniert - 384 Seiten

An einem Herbstabend des Jahres 1787 kommt Giacomo Casanova auf Einladung des Grafen Pachta nach Prag. Auch Mozart befindet sich in der Stadt an der Moldau. Er bereitet die Uraufführung der Oper aller Opern mit ihrer vollendet schwebenden Musik vor - "Don Giovanni". Aber die Arbeit stockt. Der Librettist Lorenzo da Ponte gibt dem Verführer vulgäre, bestenfalls grobe Züge, die Sängerinnen neiden einander jede Arie, und Mozart fehlt die Ruhe, seine Partitur zu beenden; überall wird er von Verehrerinnen verfolgt. Casanova aber bringt den Glanz aus einer großen alten Zeit in die Stadt, er versteht Feste zu feiern, er weiß, über welche Rafinesse und Wortgewandtheit ein wahrer Verführer verfügen müsste. Und er hat es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, diese Oper zur Vollendung zu bringen - auch wenn er dazu einige höchst irdische Intrigen einfädeln muss ...

Nach "Faustinas Küsse" und "Im Licht der Lagune" hat Ortheil nun das große Finale seiner erotischen Kunst- und Künstler-Trilogie geschrieben. In diesem Roman geht es um Musik und das, was die Musik allein zu gestalten vermag: um Liebe. In einem Wirbel von Geschichten schildert Ortheil, wie eine der bedeutendsten europäischen Opern entstanden ist. Überwältigend zart und klug wie Mozarts Musik entspinnt sich dieses Buch, und obwohl drei Männer das große Wort führen, halten andere darin die Hauptrolle besetzt und führen insgeheim Regie: die Frauen.


Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, so mit dem "Brandenburger Literaturpreis", dem "Thomas-Mann-Preis", dem "Georg-K.-Glaser Preis", dem "Koblenzer Literaturpreis", dem "Nicolas Born-Preis", dem "Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis" und 2016 mit dem "Hannelore-Greve-Literaturpreis". Die Romane von Hanns-Josef Ortheil wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.
1
In einer Herbstnacht des Jahres 1787 erwachte die junge Anna Maria Gräfin Pachta von einem furchtbaren Traum. Erregt, mit klopfendem Herzen, starrte sie gegen die dunkle Holzdecke des kleinen Zimmers, das sie erst seit einigen Wochen bewohnte. Es war eines der Zimmer des Damenstifts auf dem Hradschin, das die Kaiserin Maria Theresia für ausgewählte Töchter des böhmischen Adels eingerichtet hatte.
Anna Maria lag still, angespannt, mit steifen Gliedern, als könnte sie sich nicht mehr bewegen. Sie versuchte den Traum loszuwerden und ihn aus ihren Gedanken zu verdrängen, doch sie spürte am leichten Zittern der Hände, daß sie die Bilder noch immer verfolgten. Langsam stand sie auf, um das Fenster einen Spalt zu öffnen, dann schmiegte sie sich wieder unter die Decke. Oft schon hatte sie so gelegen, tagsüber, mit geschlossenen Augen, den Klängen lauschend, die von der tiefer liegenden Stadt herauf drangen.
Die Geräusche und Töne vermißte sie hier oben am meisten. Das elterliche Palais lag mitten im Gewimmel der Häuser, schon am frühen Morgen hatte man dort die Rufe der Händler gehört, das Knirschen der Kutschenräder auf dem Pflaster, die gedämpften Unterhaltungen und die am späten Vormittag in den Straßen und Wirtshäusern einsetzende Musik. Von Stunde zu Stunde hatte die Stadt mehr zu klingen begonnen, ein über den Mittag, wenn die Gaststuben längst gefüllt waren, anschwellendes Orchestrieren, als bliesen und geigten sie alle gegeneinander, bis von den Türmen nahe der Karlsbrücke die Posaunenchoräle erschallten und die Klangwelt der Stadt zudeckten mit den Echolauten ihres Geschmetters.
Im Stift aber war es oft so still, daß sie unwillkürlich bei den leisesten Geräuschen erschrak. Im ummauerten Garten des verzweigten Gebäudes fuhr sie zusammen, wenn plötzlich der Strahl eines Springbrunnens hochschoß, in den weiten Korridoren verfolgte sie das rasch verebbende Huschen von Schritten, und in der kleinen Kapelle hörte sie das leise Ticken einer Uhr so deutli
ch, als befinde sich die Uhr ganz nahe, während alle doch wußten, daß sie in der entfernt liegenden Sakristei stand.
Auch die anderen Stiftsdamen hatten ihre Empfindlichkeit bald bemerkt. Sie hatten ihr gut zugeredet und Rücksicht auf sie genommen, doch Anna Maria hatte sich weiter während des Tages bei geöffnetem Fenster auf ihr Bett gelegt, um mit geschlossenen Augen den von der Stadt aufsteigenden Klängen zu lauschen. Manchmal hatte sie sogar geglaubt, das feine Rauschen der Moldau am Wehr nahe der Karlsbrücke zu hören, es war ein summendes hintergründiges Rauschen gewesen, wie aus den Tiefen des Flusses.
Jetzt aber gelang dieses Spiel nicht so leicht wie am Tag. Sie hörte nur das weit entfernte Bellen eines einzelnen Hundes, und so stand sie schließlich doch wieder auf, noch immer mit stark klopfendem Herzen. Dort unten lag die Stadt, ja, wie gern wäre sie jetzt die breite Stiege hinuntergelaufen, um durch die Gassen zu gehen, sie wäre zu sich gekommen und sie hätte die schändlichen Bilder nicht so nahe gespürt. Der breite, silbern glänzende Fluß, auf dem sich der Mondschein wiegte, war gut zu erkennen, kleine Fackeln schwirrten über die Karlsbrücke.
Ihr Atem ging noch immer rasch, als wäre sie eine große Strecke gelaufen, sie wischte sich mit der rechten Hand über die Stirn. Sofort spürte sie den kalten, sich an den Haarenden ablagernden Schweiß, die feuchten Fingerkuppen waren so klebrig, als wäre die Feuchtigkeit Blut. Sie preßte die Finger gegen die Schläfen, doch während sie noch auf das nächtliche Stadtbild starrte, tanzten die Traumszenen wieder verstärkt vor ihren Augen.
In Gedanken hing sie noch an der Vergangenheit im elterlichen Palais, sie konnte sich von den Klängen und Bildern dort so schnell nicht befreien, obwohl ihr die meisten der dreißig Stiftsdamen zur Seite standen und ihr die Eingliederung in das neue Leben, das jeden Morgen gegen sieben Uhr mit der Frühmesse begann, so leicht wie möglich machten. Ihre Mutter war vor drei Ja
hren gestorben, die größere Schwester längst verheiratet, und die drei älteren Brüder lebten nicht mehr in Prag, sondern in Wien, wo sie ihren Pflichten am kaiserlichen Hof nachgingen.
Lange hatte der Vater nach einem geeigneten Aufenthaltsort für sie gesucht, doch erst nach mehreren Anträgen war ihr einer der begehrten Plätze des Damenstifts zuerteilt worden. Sie hatte nicht widersprochen. Auf Dauer konnte sie nicht mit dem Vater zusammenleben, es gehörte sich nicht, außerdem verschlang ein solches Leben viel Geld. Bis zu ihrer möglichen Heirat würde sie im Damenstift untergebracht sein, zumindest die Hälfte des Jahres, nur im Sommer würde sie den Vater auf seine Landgüter begleiten, wo sie auch ihren noch unverheirateten Brüdern wieder begegnen würde.
Sie versuchte, das elterliche Palais im Dunkel zu erkennen, doch als sie es aus dem Schwarzgrau der gedrängt stehenden Häuser nicht herausfand, begann sie zu beten. Sie murmelte Heilige Jungfrau Maria, doch die Worte erschienen ihr fremd, sie hörte sich ängstlich flüstern und spürte die nächtliche Kälte, so daß sie das Fenster schloß und begann, sich anzukleiden. Sie fühlte sich schwach, das Kleid schien sich wie ein schweres Gewicht auf ihren Körper zu legen. Sie dachte daran, sofort zu beichten, doch sie ließ den Gedanken rasch wieder fallen, so ein Ansinnen hätte zuviel Aufmerksamkeit erregt.
So stand sie am Fenster, wagte sich nicht zur Tür und scheute vor dem Bett weiter zurück. Es war, als hielte man sie gefangen und als könnte sie sich nicht mehr frei bewegen. Sie kniete sich hin und nahm das Brevier aus der Tischlade. Das laute Lesen war besser als das Murmeln zuvor. Sie fand viel Lateinisches und suchte die Seiten nach kaum verständlichen Stellen ab. Sie las unbeweglich, ohne abzusetzen, und sie nahm sich vor, es bis zum Morgengrauen zu tun.
Doch immer wieder tauchten die furchterregenden Bilder auf, sie schienen sich unter dem Türspalt, dem sie den Rükken zukehrte, hindurchzuzwängen. Dann sa
h sie die Gesichtszüge eines großen, kräftigen Mannes, vor dem die sonst verschlossene Tür ganz leicht aufsprang. Sie sah seinen Hut, den ein weißer Federbusch krönte, er warf ihn beim Hineinkommen in die Richtung der Tür, und sie erkannte den Degen mit einem kunstvollen Knauf, den zwei sich aufbäumende Schlangen verzierten. Er ließ ihn zur Seite, gegen die Wand fallen, während er mit der Rechten spöttisch grüßend durch die Luft fuhr, so daß sie den Löwenkopf seines Rings im Dunkel aufblitzen sah.
Er hatte sich über ihr Bett gebeugt, von seinem festen, zupackenden Griff war sie erwacht. Noch im Erwachen hatte sie sein Lachen gehört, das Lachen eines durch nichts aufzuhaltenden, zügellosen Menschen, und während sie sich gegen seine Zudringlichkeiten gewehrt hatte, war es ihr so vorgekommen, als lauerten vor der geöffneten Tür die neugierigen Augen der Prager Gesellschaft darauf, daß dem Eindringling sein grausames Vorhaben gelinge.


2
Casanova erwachte. Einen Augenblick lang versuchte er sich zu erinnern, richtig, gestern abend war er in Prag eingetroffen, er war jetzt in Prag, solch einen frühmorgendlichen Lärm gab es nur in dieser Stadt, die zu viele Musiker beherbergte, Blechbläser vor allem, die sich anscheinend schon sofort nach dem Erwachen an ihre Instrumente machten. Er reckte sich auf und lauschte ins Dunkel. Wahrhaftig, da blies jemand auf der Trompete, spitze, an der Decke entlanglaufende Töne, die sich zu knatternden Schauern verdichteten, unglaublich.
Er preßte die Zeigefinger in die Ohrmuscheln, doch das half nichts, jetzt hörte er sogar noch ein zweites Instrument, eine Klarinette, ja, eine sich verausgabende, Ton für Ton eine nicht enden wollende Treppe herunterpolternde Klarinette. Auf dem Tisch stand das Nachtglöckchen; es war aus Kristall, ein winziges Spielzeug, er läutete, so heftig er konnte, aber der zarte Glasklang wirkte gegen die Klänge von draußen nur wie ein schwaches, sich im weiten Raum verflüchtigendes Mäuserasc
heln.
Doch immerhin, die Tür öffnete sich. Casanova erkannte einen jungen, schlecht gekleideten Mann, der sich dem Bett näherte. Er machte eine umständliche Verbeugung, wahrscheinlich stammte er vom Land, die meisten jungen Diener kamen von dort, man konnte ihnen die Steifheit nicht austreiben.
Guten Morgen, gnädiger Herr, sagte der Bursche. Graf Pachta hat mir aufgetragen, Ihnen als seinem willkommenen Gast behilflich zu sein. Er sagte, ich solle mir Mühe geben, Sie zufriedenzustellen. Der Herr Graf ist in der Früh nach Wien abgereist, wo er seine Söhne besucht.
Was redet Er da? Casanova setzte sich auf. Warum erklärt Er mir, was ich längst weiß? Ich habe gestern abend noch mit dem Herrn Grafen gespeist.
Verzeihen Sie, gnädiger Herr, das wußte ich nicht, antwortete der Bursche. Der Herr Graf hatte wenig Zeit in der Früh. Mit mir wechselte er nur einige Worte.
In der Früh? Wann in der Früh? Wie spät ist es denn?
Gegen Zehn, beinahe Zehn, wenige Minuten vor Zehn.
Casanova drehte sich zur Seite und schwenkte die Füße auf den Boden. Schon Zehn? Rasch, ich stehe sonst niemals so spät auf. Die Vorhänge und die Läden geöffnet!
Der Junge ging schnell zu den Fenstern, zog die schweren Vorhänge auf und öffnete mit geübten Handgriffen einen Laden nach dem andern. Die Musik war noch lauter geworden, zwei Trompeten, eine Klarinette, eine Oboe.
Was ist das denn für ein Lärm? Es ist unerträglich, verdaut man in Prag Noten zum Frühstück?
Entschuldigen Sie, es sind Mitglieder der Hauskapelle des Grafen, gegen Zehn beginnen sie mit den Proben.
Gegen Zehn! Wenn sie morgens so loslegen, werden sie am Abend erschöpft sein.
Ich werde es ihnen ausrichten. Der Bursche verneigte sich, er war in der Nähe der Fenster stehengeblieben. Casanova beugte sich vor. Nein, er sah nicht übel aus, groß, schwarzhaarig, ein schmaler, feiner Kopf, Graf Pachta hatte ihm einen hübschen Jungen an die Seite gegeben.
Wie heißt Er? Wie ruft man Ihn hier?
>Ich heiße Paul, gnädiger Herr.
Und ich heiße Giacomo, Signor Giacomo!
Jawohl, gnädiger Herr!
Nicht gnädiger Herr, nichts davon! Signor Giacomo, nur das, hast Du verstanden? Ich werde Dich Paolo nennen, das kommt mir leichter über die Lippen.
Ich habe verstanden, Signor Giacomo.
Du kommst vom Land, Paolo?
Ja, Signor. Meine Eltern sind früh gestorben, ich bin in eine Waisenschule gegangen.
Und was lernt man dort?
Das Horn blasen, Signor.
Das Horn? Du willst sagen, daß Du das Horn blasen kannst?
Ja, Signor, ich kann es sehr gut blasen, auch ich spiele in der Kapelle des Grafen, seit mehr als vier Jahren.
Wie alt bist Du?
Neunzehn Jahre, Signor. Der Herr Graf hat meine Ausbildung bezahlt, viele Hohe Herren machen das so, denn viele der Hohen Herren halten sich eine eigene Kapelle oder sogar ein großes Orchester.
Das Horn ist ein edles Instrument, Paolo, ich liebe das Horn. All dieses Bläsergeschmetter da draußen ist nichts gegen den Wohllaut des Horns, habe ich recht?
Signor Giacomo ist zu freundlich, ich danke Ihnen.
Nun gut, Paolo, wir werden uns schon verstehen. Beginnen wir diesen Tag mit einem exzellenten Frühstück!
Gern, Signor Giacomo, ich eile sofort in die Küche!
Casanova lächelte, der Bursche war schon an der Tür. Warte, so warte doch! Was willst Du mir bringen, aus Deiner Küche?
Das Frühstück, Signor.
Das Frühstück! Woraus besteht denn Dein Frühstück?
Kaffee, Signor Giacomo, Brot, Butter, vielleicht etwas Käse und ein paar Eier?
Aber Paolo, Du wirst lernen müssen, viel lernen. Ich wünsche Kaffee, ja, aber den kräftigen, schwarzen, und Brot, ja, aber das duftende, weiche, leicht süße, Rahmbutter dazu, drei sehr weiche Eier. Dann Orangengelee und etwas Schale von der Zitrone, denn das Gelee machen die Prager zu süß, weil sie nichts davon verstehen. Das Ganze stell bitte hier auf den kleineren Tisch, es soll mir den Mund lediglich wässern. Denn wenn mir das alles gemundet hat,
wechsele ich hinüber zum größeren Tisch, wo das Frühstück eingenommen wird: einen kleinen Teller mit Sardellen, etwas vom gestrigen Braten, dunkle Oliven, einen reifen, am besten schon leicht zerlaufenen Käse, dazu das dunkle Nußbrot. Ein Glas Wein könnte nicht schaden. Und nun lauf!
Paolo zögerte einen Moment, dann verbeugte er sich und verschwand. Casanova stand auf und begann, sich anzukleiden, während er das Zimmer durchschritt. Die Räume in diesem stillen Seitenflügel, den niemand außer ihm bewohnte, waren herrschaftlich groß, wie für ihn geschaffen. In seinen besseren Tagen hatte er in solchen Räumen gelebt, in Venedig, in Paris, in London, in den Hauptstädten der Welt. Gewiß, diese hier wirkten gedämpfter, ein wenig gedrückt, aber in Prag gehörten sie zum Besten, was es gab. Mit Paris oder Venedig konnte Prag sich natürlich nicht messen, im Grunde war Prag eine Provinzstadt und die geschmackvollsten Häuser erinnerten einen höchstens an Wien.
Ein Glück, daß er mit dem Grafen Pachta seit langem befreundet war, so brauchte er sich keine Zimmer zu mieten oder gar ein Quartier in einem der Gasthöfe zu suchen. Hier, in diesem verlassen wirkenden Seitenflügel des Pachtaschen Palais, war er ungestört und wurde zudem noch fürstlich versorgt. In Ruhe konnte er seine Gedanken aufs Papier bringen, Besuch empfangen, sich den Lektüren widmen. Der Graf würde einige Zeit verreist sein, das war nur von Vorteil, denn sonst hätte ihn dieser alte Schwätzer ununterbrochen belästigt und ihn nach längst vergangenen Geschichten gefragt.
Etwa dreißig Bediente hatte der Graf, die Mitglieder der Kapelle nicht gerechnet. Hätte man ihm, Giacomo Casanova, freie Hand gegeben, so hätte er mit Hilfe dieser Bedienten herrliche Feste gefeiert, für eine kleine Schar sorgfältig ausgesuchter Menschen von Stand und mit Geschmack! Denn der Graf, nein, der verstand nichts davon, er überließ solche Dinge den Köchinnen, die ihn seit Kindesbeinen mit immer denselben Speisen versorgten, sch
weren, zerkochten Gerichten, wie man sie auf dem Land aß, woher die Köchinnen stammten, die nie in einen italienischen oder französischen Kochtopf geschaut hatten, nein, nie. In den kommenden Wochen würde er ihnen etwas von diesen fremden Kochkünsten beibringen, bis sie es nicht mehr wagten, den Braten in dunklen Saucen zu verkochen. Austern, gefüllte Perlhühner, Kutteln auf venezianische Art! Ja, langsam und unauffällig würde er in diesem Palais die Regie übernehmen, und wer weiß, vielleicht wäre es am Ende doch möglich, aus diesem Palais, das viel von seinem alten Reiz verloren hatte, ein wahrhaft herrschaftliches und sogar gastfreundliches Haus zu machen!
Doch um das zu erreichen, mußte er sich das Wohlwollen der Dienerschaft sichern, zunächst mußte er Paolo für sich gewinnen, dann die Frauen der Küche, langsam, wie eine Krake, würde er seinen geheimen Einfluß ausdehnen, bis er sogar der Kapelle, die wahrscheinlich nichts anderes als böhmische Tänze kannte, die richtigen Töne beigebracht hatte. Eine solche Aufgabe, ja, die war seiner würdig! In Prag einen Glanzpunkt zu setzen, für einige Wochen, so hell, so erregend, daß man noch lange davon sprechen würde!
Aber zunächst hatte er noch einiges zu erledigen, dies und das, Besuche, ein paar Gespräche. Wo hatte er den Brief bloß hingesteckt? Er öffnete die Schublade des Nachtschränkchens und zog ihn heraus. Richtig, damit würde er den Anfang machen, mit diesem Halunken! Sie würden sich um den Hals fallen und so tun, als wären sie die besten Freunde, seit langem. Aber er wußte, wen er vor sich hatte, so wie er jede Regung dieses Halunken seit ihrer ersten Begegnung vor vielen Jahren kannte. Sie waren beide Venezianer, doch er, Giacomo Casanova, war der ältere, klügere, weitgereiste, der wahre Sohn Venedigs, während der Halunke bloß eine mißratene Fehlgeburt war, die durch viele Zufälle zu leidlichem Ruhm gekommen war. Er würde sich einen Spaß daraus machen, ihn an der Nase herumzuführen, diesen Prag-Aufenthalt
sollte er in schlechter Erinnerung behalten, dafür würde er sorgen!
Paolo klopfte, öffnete die Tür und kam mit einem großen Tablett herein. Er stellte alles auf den kleinen Tisch und seufzte laut: Mehr konnte ich so schnell nicht beschaffen, Signor Giacomo! Die Köchin sagt, der Herr Graf habe nur sehr bescheiden gefrühstückt.
Was erlaubt sie sich, diese Köchin? rief Casanova und lief sofort an den Tisch, um das Beschaffte zu mustern. Ein matter Kaffee, kein schwarzes, trockenes Brot, am Rand schon hart, ein Stück Käse, das seine Träume ausschwitzt, bleiche Butter... und was ist das, was soll das sein? Er nahm eine in Scheiben geschnittene, klebrige Substanz von einem Teller und hielt sie in die Höhe.
Quittenspeck, Signor Giacomo.
Quittenspeck? Damit füttert man in Venedig die Affen, wenn sie an Verstopfung leiden.




"Hanns-Josef Ortheil hat mit seiner 'Nacht des Don Juan' einen nahezu perfekten Roman geschrieben, ein genau durchkomponiertes und zudem enorm kurzweiliges Werk."

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Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll macht Lust auf einen Opernabend - von Elisabeth Stein-Salomon (Akademische Buchhandlung Knodt) - 06.12.2006 zu Hanns-Josef Ortheil „Die Nacht des Don Juan“
Mit ¿Die Nacht des Don Juan¿ komplettiert H.J.Ortheil seine Romantrilogie um wahre und erfundene Gestalten des späten 18.Jahrhunderts. An einem Herbstabend anno 1787 trifft, auf Einladung des Grafen Pachta, der alternde Giacomo Casanova in Prag ein. Hier hält sich zur selben Zeit auch Mozart auf, beschäftigt mit den Uraufführungs-vorbereitungen zu seiner jüngsten Oper ¿Don Giovanni¿. Doch die Arbeit geht nicht recht voran. Der Maestro kann sich mit da Pontes dürftigem Libretto nicht anfreunden, da Ponte hat aus der Hauptfigur der Oper einen vulgären Schürzenjäger, ein lächerliches Spiegelbild seiner selbst gemacht. Nun tritt sein venezianischer Intimfeind Casanova auf den Plan, dem zu Mozarts Musik ein ganz anderer Don Giovanni, ein galanter Verführer, ein Meister der erotischen Verfeinerung vorschwebt. Casanova lädt alle an der Oper beteiligten zu einem großen Maskenfest ins Pachtasche Palais ein. Der Abend ist eine intrigante Inszenierung, die nur zum Ziel hat, da Ponte als Wüstling zu entlarven , so dass dieser Prag fluchtartig verlassen muss. In der knappen bis zur Premiere verbleibenden Zeit gibt Casanova nun gemeinsam mit Mozart der Oper den letzten, entscheidenden Schliff. Immer wieder baut Ortheil Episoden und Motive der Oper in die Handlung ein, so dass diese und der Roman wechselseitig aufeinander verweisen. Er fügt seinen Hauptprotagonisten einige weitere Mitspieler hinzu: eine junge Gräfin, eine Sängerin und Gönnerin Mozarts, dessen Frau Konstanze, sowie einen Diener und eine Dienerin, und wie in Mozarts Opern haben bald die Frauen die Regie übernommen, ohne das dies den männlichen Protagonisten bewußt würde. Ortheil hat kunstvoll und leichthändig einen spannenden Roman komponiert, der ein unterhaltendes Lesevergnügen garantiert und Lust auf einen Opernabend macht.
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