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Sechs Jahre

Der Abschied von meiner Schwester.
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Produktdetails

Titel: Sechs Jahre
Autor/en: Charlotte Link

EAN: 9783641141004
Format:  EPUB
Der Abschied von meiner Schwester.
Random House ebook

1. September 2014 - epub eBook - 320 Seiten

Das persönlichste Buch von Charlotte Link

Auf eindringliche Weise berichtet Bestsellerautorin Charlotte Link von der Krankheit und dem Sterben ihrer Schwester Franziska. Es ist nicht nur das persönlichste Werk der Schriftstellerin, voller Einblicke in ihr eigenes Leben, sondern auch die berührende Schilderung der jahrelang ständig präsenten Angst, einen über alles geliebten Menschen verlieren zu müssen. Charlotte Link beschreibt den Klinikalltag in Deutschland, dem sich Krebspatienten und mit ihnen ihre Angehörigen ausgesetzt sehen, das Zusammentreffen mit großartigen, engagierten Ärzten, aber auch mit solchen, deren Verhalten schaudern lässt und Angst macht. Und sie plädiert dafür, die Hoffnung nie aufzugeben - denn nur sie verleiht die Kraft zu kämpfen.

Ein subtiles, anrührendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Ein Buch, das Kraft gibt, nicht aufzugeben und um das Leben zu kämpfen.
Charlotte Link, geboren in Frankfurt/Main, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre Kriminalromane sind internationale Bestseller, auch »Die Entscheidung« und zuletzt »Die Suche« eroberten wieder auf Anhieb die SPIEGEL-Bestsellerliste. Allein in Deutschland wurden bislang über 30 Millionen Bücher von Charlotte Link verkauft; ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt/Main.

Sonntag, 8. Januar 2012

Die Sonntage sind mein Part, so haben wir es abgesprochen. Vereinzelt auch Wochentage zwischendurch, aber die Sonntage stehen fest. Es fällt mir sonst schwer, von morgens bis abends nicht daheim zu sein, ich habe ein zehnjähriges Kind und drei Hunde. Aber sonntags ist mein Mann da, ich kann problemlos weg.

An den anderen Tagen sind meine Eltern im Krankenhaus. Wir wollen meine Schwester Franziska nicht mehr alleine lassen, oder zumindest so wenig wie möglich. Seit dem 29. Dezember 2011 liegt sie im Krankenhaus von Bad Homburg, einem Vorort von Frankfurt. Seit sechs Jahren kämpft sie, kämpfen wir alle um ihr Leben. In den vergangenen Wochen hat sich die Situation dramatisch verschärft. Im tiefsten Inneren wissen wir bereits, dass jetzt nur noch ein Wunder helfen kann, und sie weiß es auch. Sie ist 46 Jahre alt und wird Tag und Nacht von dem Gedanken an ihre Kinder gequält, die sie zurücklassen muss, einen zwanzigjährigen Sohn und eine achtjährige Tochter. Darüber hinaus hat sie einfach Todesangst. Die Angst wird schlimmer, wenn sie alleine ist, daher versuchen wir sie abzulenken, so gut wir können.

Ich gehe den Gang entlang. Krankenhausgeruch, leise quietschendes Linoleum unter meinen Füßen. Eine Schwester schiebt einen Wagen mit leeren Tassen und Tellern zur Küche zurück. Sie grüßt freundlich. Alle hier auf der Lungenstation sind sehr nett, sehr bemüht. Eine Wohltat nach manch anderem, was wir in den letzten Jahren erlebt haben.

An den Türen hängen noch die Weihnachtssterne aus rotem und goldfarbenem Stanniolpapier. Irgendwie wirken sie inzwischen etwas deplatziert. Mir begegnet der sehr sympathische Pfleger, der sich immer so um meine Schwester bemüht. Er gehört zu den Menschen, die unaufgefordert stets mehr tun, als sie tun müssten. Er scheint auch gerad
e über die Sterne nachzudenken, denn er sagt zu mir: »Die kommen morgen weg. Dann hängen wir Frühlingsblumen aus Papier an die Türen.«

»Ich freue mich darauf«, sage ich. Zwar scheint der Frühling in endlos weiter Ferne zu liegen, und draußen ist der Januar genauso kalt, grau und trostlos, wie es nach meinem Empfinden nur dieser Monat sein kann. Aber umso schöner, wenn man versucht, etwas Farbe in den Alltag zu bringen.

Ich betrete das Zimmer meiner Schwester. Die Tür ist nur angelehnt. Franziska, die genau wie ich immer eher der ausgesprochen individualistische Typ war – nie zu viel Gemeinschaft ertrug und stets eine gute Rückzugsmöglichkeit in Reichweite brauchte –, hält geschlossene Türen nicht mehr aus, zumindest nicht, wenn sie alleine ist. Man respektiert das auf dieser Station, indem ständig ein blaues Handtuch so von innerer zu äußerer Türklinke drapiert wird, dass die Tür nicht zugehen kann. Ich nehme das Handtuch jetzt weg. Ich bin da, wir können die Tür schließen.

Franziska schläft, sie bemerkt mein Kommen nicht. Ich stelle die große Tasche, in der ich frische Wäsche und Zeitschriften für sie habe, auf einen Stuhl. Ziehe meinen Mantel aus und husche so leise wie möglich zur Garderobe, um ihn aufzuhängen. Trotzdem hört sie mich jetzt. Sie schlägt die Augen auf, braucht eine Sekunde, um den Schlaf abzuschütteln. Dann erhellt ein warmes, freudiges Lächeln ihr Gesicht.

»Du bist da«, sagt sie. »Schon lange?«

»Eben gekommen.«

Mit ihrem Lächeln umarmt sie andere Menschen, es ist strahlend und echt. Immer noch, auch wenn sie sich sonst auf schreckliche Weise verändert hat. Bei einer Größe von 1,73 Meter ist sie auf 39 Kilo abgemagert, was ihren Kopf in eine Art lebend
en Totenschädel verwandelt hat, an dem die langen, noch immer leuchtend blonden Haare fast irritieren. Von ihrem Körper ganz zu schweigen. Wenn ich ihr ein neues Nachthemd mitbringe und sie sich umzieht, muss ich mich wegdrehen, ich ertrage den Anblick nicht. Sie sieht aus wie die Frauen auf den Bildern, die nach der Befreiung von Auschwitz gemacht wurden.

In ihre Nase laufen zwei Schläuche, die sie mit dem Sauerstoffgerät verbinden. Ihre Luftnot ist in den letzten Jahren immer schlimmer geworden, aber zumindest konnte sie noch im vergangenen November mit dem Auto von München nach Wiesbaden zu mir kommen, um ihre Nachsorge in Mainz wahrzunehmen. Jetzt schafft sie es ohne Sauerstoffgerät nicht mehr vom Bett bis zum Bad.

Das ist es, was uns alle in diesem Winter verzweifeln lässt: Die Krankheit galoppiert plötzlich. Auf einmal überschlagen sich die Ereignisse. Wir verlieren die Kontrolle. Wir jagen hinterher, versuchen einen Dammbruch zu verhindern und haben doch das Gefühl, ständig zu spät zu sein. Sechs Jahre lang sind wir immer wieder aus jeder noch so aussichtslos erscheinenden Schlacht als – zumindest vorübergehende – Sieger hervorgegangen. Jetzt droht uns das Schicksal abzuhängen.

Trotz ihres Lächelns merke ich, dass dies kein guter Tag werden wird. Letzten Sonntag, am Neujahrstag, war ich auch hier, und alles verlief ganz harmonisch – gemessen jedenfalls an den mehr als unschönen Umständen. Ich wusch ihr die Haare, und wir mussten beide über die Turnübungen lachen, die ich dabei veranstaltete: Das kleine Bad, darin Franziska, ein Stuhl, auf dem sie sitzen konnte, der Rollwagen, auf dem das Sauerstoffgerät stand. Für mich war eigentlich kein Platz mehr, und ich wusch ihre Haare in einer Körperhaltung, die mir zeigte, dass ich auch als Endvierzigerin noch ziemlich gelenkig bin und auf meine Bandscheiben stolz sein ka
nn.

Heute wird es keine Situation geben, in der wir lachen. Franziska ist tief deprimiert. Der Luftmangel sei heute besonders schlimm, sagt sie mit leiser Stimme, und außerdem komme sie einfach nicht über das Ergebnis des gestrigen Wiegens hinweg: 38,5 Kilo.

»Es wird schlimmer«, sagt sie. »Es wird immer schlimmer.«

Meine Schwester hängt nicht nur an einem Sauerstoffgerät, sie wird über einen Port, der unter ihrem Schlüsselbein sitzt, zudem mit Hochkaloriennahrung versorgt. Rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, fließt eine weiße Pampe in ihren Körper, die jeden anderen Menschen ziemlich rasch in einen Fettkloß verwandeln würde. Sie bekommt die künstliche Ernährung seit Weihnachten, also seit zwei Wochen. Und nimmt weiterhin ab.

Im Prinzip habe ich natürlich auch keine Ahnung, aber ich erkläre ihr, dass ich mir das so wie bei einer Diät vorstelle, nur umgekehrt. Wir kennen das alle: Man will abnehmen und hungert und hungert, und zunächst passiert einfach nichts. Unter Umständen geht das Gewicht sogar nach oben. Erst nach einer ganzen Weile erntet man den Lohn für die Mühe. Vielleicht, so denke ich, ist das auch so, wenn man dringend zuzunehmen versucht. Es braucht seine Zeit, bis die Nahrung anschlägt.

»Du wirst sehen«, sage ich, »noch ein paar Wochen, und du passt in keine Jeans mehr.«

Sie lächelt müde. So wird es nicht sein, und das wissen wir beide.

Sie will an diesem Sonntag wieder, dass ich ihr die Haare wasche, aber sie hat eine Heidenangst vor der Prozedur. Da sie vor Schwäche kaum stehen kann, muss sie auf einem Hocker sitzen, der ganz dicht an die Dusche herangeschoben wird, und dann muss sie ihren Kopf nach vorn neigen, damit ich ihr die Haare waschen kann. Trotz Sauerstoffgerät bekommt sie in dieser Haltung so gut wie überhaupt kein
e Luft mehr. Da ihre Atemnot an diesem Tag ohnehin schlimmer als sonst ist, graut es ihr vor dem Moment, da wir anfangen.

»Lassen wir es doch«, sage ich. »Ich kann morgen oder übermorgen wiederkommen, dann machen wir es eben später.«

Aber sie ist wild entschlossen. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer erbärmlichen Schwäche ist ihr an nichts so viel gelegen wie daran, sauber und gepflegt zu bleiben. Jeden Tag wäscht sie sich von Kopf bis Fuß, alleine, obwohl sie sich fast nicht auf den Beinen halten kann. Sie hat mich gebeten, ihr einen Conditioner für die Haare mitzubringen, weil diese so trocken geworden sind. Das erfüllt nun mich wiederum mit Nervosität: Mein Auftrag ist es, vor allem rasend schnell zu machen. Haare nass, Shampoo rein, Shampoo raus. Im Eiltempo, damit sie sich wieder aufrichten und atmen kann. Der Conditioner wird den Ablauf verzögern.

Letztlich werden wir ihn dann auch nicht benutzen. Wir werden froh sein, es überhaupt irgendwie zu schaffen.

Der Vormittag vergeht, indem sie sich mit der Frage herumquält, wann wir anfangen. Sie muss vorher nach einer Schwester klingeln, die sie von der künstlichen Ernährung abstöpselt und das Sauerstoffgerät von der Wand auf den Rollwagen umbaut. Hinterher muss das alles wieder in die Ausgangslage gebracht werden. Insofern gibt es kein Zurück, wenn sie sich entschieden hat – zumindest nicht, ohne dass sie nicht das Gefühl hätte, anderen unnötig Arbeit gemacht zu haben. Sie ist den Tränen nahe.

»Ich kriege keine Luft«, sagt sie immer wieder. »Ich kriege keine Luft.«

Neben vielem anderen, was im Argen liegt, leidet meine Schwester an einer Strahlenfibrose. Ihre wegen einer Krebserkrankung bestrahlte Lunge hat vor drei Jahren begonnen, Lungengewebe in Narbengewebe umzubauen und dabei gleichzeitig zuneh
mend zu versteifen. Erst langsam, dann schneller und schneller, unaufhaltsam. Inzwischen verfügt sie noch über die Atemkapazität einer Säuglingslunge – soll aber den Körper einer erwachsenen Frau mit genügend Sauerstoff versorgen. Der Lungenmuskel pumpt wie wahnsinnig, ist mittlerweile völlig überlastet. Da Franziska das Gefühl hat – ob gerechtfertigt oder nicht, darüber streiten die Ärzte –, nach jedem Bissen Essen noch weniger atmen zu können, hat sie in den vergangenen drei Jahren mit fortschreitender Fibrose ihre...


"Wer es schafft, die Leidensgeschichte [von Charlotte Links] Schwester bis zur letzten Seite zu lesen, kann nicht sofort auf Normalmodus umschalten. [...] Links erstes nichtbelletristisches Werk ist aufrüttelnd und gut."

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