Die frühen Christen bildeten keineswegs eine homogene Gruppe, geschweige denn eine Kirche. Von ihrem Wirken in der Welt, aber auch von den Irritationen, die sie bei Zeitgenossen auslösten, handelt dieses Buch. Es soll zugleich die modernen Leser irritieren: Die antiken Christen sind durch eine lebendige Erinnerung und durch ein gemeinsames textliches Erbe - die Bibel - eng mit der heutigen Welt verbunden, selbst für diejenigen, die dem christlichen Glauben fernstehen. Allenthalben stoßen wir auf Kirchengebäude, christliche Feiertage rhythmisieren unsere Zeit, weite Teile der Kunst sind durch christliche Motive geprägt, selbst noch in der Persiflage. Doch die sichtbare Nähe kann eine scheinbare sein.
Vieles an den frühen Christen ist uns fremd und weit entfernt von dem, was heute als Christentum gilt. Dieser doppelten Irritation - aus der Sicht der Heutigen und der antiken Zeitgenossen - geht der Autor des vorliegenden Buches nach und lässt uns die Fremdheit eines nur scheinbar vertrauten Christentums erkennen. Zugleich fragt er danach, wie eine kleine, sozial schwache Gruppe aus der Peripherie sich ausbreiten konnte und welchen Herausforderungen ihre Angehörigen sich gegenübersahen.
So legt er auch keine lineare Geschichte vom Urchristentum zur Großkirche vor. Es wird vielmehr deutlich, dass die Geschichte der Christen keiner zwingenden inneren Logik folgt und auch nicht durch höhere Kräfte bestimmt scheint. Stattdessen lassen zahlreiche Beispiele erkennen, wie sich frühe Christen in bestimmten Situationen um Problemlösungen bemühten und unterschiedliche Wege diskutierten - von denen sich manche aber nie durchsetzten. Was wir erkennen, ist mithin auch keine folgerichtige Entwicklung, sondern eine tastende, gleichsam experimentelle Bewegung, die sich oft hinter späteren Dogmen und Konzilsbeschlüssen verbirgt.
Inhaltsverzeichnis
INHALT
Einleitung
Prolog: Ein Leichnam kommt der Welt abhanden
I. Weder Juden noch Heiden?
1. Ein ungeheurer Schritt: die Taufe
2. Gemeinsam feiern in einer neuen Zeit
3. Jü dische Tradition und christliche Aneignung
4. Speisen im religiö sen Streit
5. Von der Alltä glichkeit der Wunder
6. Feste fü r alle Bü rger und manche Christen
7. Leben unter den Dä monen
8. Zwischen Gemeinde und Familie: Beisetzungen frü her Christen
9. Wir haben keine Heiligtü mer und Altä re: Orte der Gemeinschaftsbildung
II. Christliche Autoritä ten
1. Wer spricht im Namen des Herrn? Charisma und Amt
2. Christinnen und Gemeindeorganisation
3. Spä te Prophetie
4. Die wahren Philosophen
5. Konsens und Wahrheit: Der Weg zum Bischof
6. Gefä hrlicher Glanz: Das Bischofsamt
7. Geld in den Gemeinden
8. Die Kö rper der Heiligen: Das Aufkommen von Reliquien
9. Das Paradies in der Einö de: Verzicht und Selbstermä chtigung
10. Getrennt und doch vernetzt: Zentren frü her Christen
III. (Nicht) von dieser Welt: Selbstsorge und Nä chstenliebe
1. Neue Geschwister
2. Die Ambivalenz der Ehe
3. Grenzen der Sexualitä t
4. Zwischen Preisgabe und Respekt: Kinder unter Christen
5. Gleich und doch nicht so gleich: Sklaven und Christen
6. Gottesnot und Macht: Die Buß e
7. In Demut durch den Alltag
8. Arbeit im Glauben
9. Reichtum und Fü rsorge
IV. Bü rger zweier Reiche
1. Ein Imperium ohne Alternative
2. Leben in Bedrä ngnis
3. Strittiges Sterben: Mä rtyrer vor Gericht
4. Ausflü chte, Auswege und Argumente in Zeiten der Verfolgung
5. Soldaten im Glauben
6. Vor dem groß en Sprung: Christen in den sozialen Eliten
Rü ckblick und Ausblick
Hinweise zu den Ü bersetzungen
Danksagungen
Abkü rzungsverzeichnis
Anmerkungen
Literatur
Bildnachweis
Personen- und Ortsregister