Eva ist Anfang 40, als sie einen Anruf von Vito erhält, dem Mann, der in ihrer Kindheit für eine kurze Zeit die Rolle ihres Vaters übernahm, bevor er aus ihrem Leben verschwand. Vito liegt im Sterben und möchte Eva noch einmal sehen. Sie beginnt die Reise mit dem Zug von Südtirol durch das ganze Land bis zur Spitze des Stiefels.
Vor ihrem inneren Auge entfaltet sich ihre ganze Kindheit in einem Landstrich, das jahrzehntelang zum Spielball politischer Mächte wurde bis es autonom werden konnte. Seit der Trennung von Österreich ist Südtirol eine Provinz ohne Vaterland, ein verwirrendes Gebiet verschiedener Überzeugungen und Sprachen, ein Land, das die Frage nach Identität stellt.
Eva wächst ohne Vater auf, und so greifen die Geschichte des Landes und Evas Sein und Werden ineinander, verhaken sich, wandelbar, resilient und fortwährend sehnsüchtig.
Wenn Eva aus der Vergangenheit erzählt, spricht sie von sich selbst in der dritten Person, schafft eine seltsame Distanz zum eigenen Ich, in dessen Begleitung sie durch Italien reist, aus dem Zugfenster schaut, die gänzlich gegensätzlichen Landschaften Italiens in sich aufsaugt und über eine Kindheit und Jugend im postfaschistischen Italien reflektiert.
Francesca Melandri lässt Fäden fallen, um sich später wieder aufzugreifen und weiterzuspinnen, sie webt ein wunderschönes Muster aus Sätzen und Worten, schafft eine wunderbare Mischung aus Elegie, historischen Fakten und erzählerischer Leichtigkeit.
Eva schläft ist ein epischer Roman, der die Jahre 1919 bis 1992 umspannt und die Mutter, Gerda, zur eigentlichen Hauptfigur werden lässt. Als drittes Kind eines Optanten, Schwester eines Terroristen und gesellschaftlich in Ungnade Gefallene erkämpft sie sich ihren Platz in der explosiven Zeit, in der ein Volk systematisch unterdrückt wurde.
Eva schläft spannt einen weiten Bogen über fast ein Jahrhundert norditalienischer Geschichte, Kultur, Identität, Zugehörigkeit, politische Gewalt, Familie und die Suche nach Orientierung. Es ist ein Roman voller Schmerz und Vergeblichkeit, getragen von starken Figuren, die dem Leid ihre Liebe entgegensetzen, zerrissen zwischen Nähe und Distanz, Notwendigkeit, der Suche nach Schutz und dem Kampf um die eigene Autonomie.
Dieser Roman wird bleiben, er ist groß.