Der österreichische Autor Bernhard Aichner ist spätestens seit seiner international erfolgreichen Totenfrau-Trilogie eine feste Größe auf dem deutschsprachigen Krimimarkt. Als gelernter Fotograf weiß Aichner präzise, wie man Bilder im Kopf erzeugt. Mit "Dunkelkammer" (Hörbuch erschienen bei Der Audio Verlag, basierend auf der btb-Buchausgabe) startet er eine neue Reihe rund um den Pressefotografen David Bronski. Die Kulisse: Ein eisiger Winter in Innsbruck. Der Plot setzt ein, als ein Obdachloser in einer verlassenen Wohnung eine Leiche entdeckt, die dort seit zwanzig Jahren unentdeckt lag. Für Bronski und seine Kollegin Svenja Spielmann beginnt eine investigative Spurensuche, die Bronski tiefer in seine eigene Vergangenheit und seine dunkle Leidenschaft hineinzieht, als ihm lieb ist.
Meine Meinung
Das größte Highlight dieses Hörbuchs liegt in seiner außergewöhnlichen akustischen Umsetzung. Die Produktion bricht mit klassischen Mustern und besetzt jede einzelne Figur mit einer eigenen, prominenten Stimme (darunter Florian Lukas, Boris Aljinovi und Steffen Groth). Neben der regulären Erzählerstimme entsteht dadurch eine Dynamik, die viel näher an einem packenden, cineastischen Hörspiel als an einer klassischen Lesung ist. Dieses stimmliche Zusammenspiel verleiht den Charakteren sofort Tiefe und nimmt das Publikum direkt mit an die Tatorte.
Trotz der starken Inszenierung offenbart der Text im Verlauf strukturelle Schwächen. Das Setting Innsbruck bietet eine wunderbare Bühne, blieb für mich atmosphärisch jedoch etwas blass. Hier hätte der Erzählung deutlich mehr Lokalkolorit, beispielsweise durch das gezielte Einweben des Innsbrucker Dialekts oder spezifischer regionaler Dynamiken, gutgetan, um die Atmosphäre noch greifbarer zu machen.
Während der Mittelteil mit einigen ungeahnten, geschickt platzierten Wendungen überzeugt, hat der Plot für mich im letzten Drittel an Zugkraft verloren. Das Finale ist relativ früh absehbar, zieht sich in den Auflösungen merklich in die Länge und driftet schlussendlich in recht konstruierte, unrealistische Bahnen ab. Die anfängliche psychologische Tiefe weicht hier einem etwas zu glatten, klassischen Thriller-Showdown.
Fazit
"Dunkelkammer" besticht durch sein originelles Protagonisten-Konzept und eine grandiose akustische Mehrstimmen-Inszenierung, die das Hörbuch zu einem echten Erlebnis macht. Die Story selbst bleibt im Finale zwar hinter ihren Möglichkeiten zurück, bietet aber dennoch solide Krimi-Unterhaltung. Perfekt für Krimi-Fans, die unkonventionelle Ermittlerfiguren mögen und Produktionen schätzen, die durch ein erstklassiges Sprecher:innen-Ensemble echtes Hörspiel-Feeling aufkommen lassen. Danke an netgalley.de und "Der Audio Verlag" für das Hörbuchrezensionsexemplar.