Hermann und Dorothea, 1797 erschienen, ist ein Versepos in neun Gesängen, dessen homerische Hexameter eine scheinbar schlichte Liebesgeschichte mit weltgeschichtlicher Erschütterung verbinden. Vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und der Flüchtlingszüge am Rhein begegnet Hermann, Sohn eines wohlhabenden Wirts, der vertriebenen Dorothea. Goethes klassizistische Formstrenge verleiht bürgerlichem Alltag, häuslicher Ordnung und moralischer Entscheidung eine epische Würde; zugleich prüft der Text, wie Humanität unter politischem Druck praktisch wird. Goethe, bereits der führende Dichter der deutschen Klassik und seit Jahrzehnten in Weimar mit Fragen von Staat, Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung befasst, schrieb das Werk in enger geistiger Nachbarschaft zu Schiller. Seine Erfahrung mit revolutionärer Unruhe, sein Interesse an antiken Formen und seine lebenslange Suche nach Maß, Versöhnung und tätiger Menschlichkeit prägen dieses Gedicht. Nicht zufällig erscheint Liebe hier weniger als Leidenschaft denn als sittliche Wahl. Empfohlen sei Hermann und Dorothea allen Leserinnen und Lesern, die Goethes Kunst jenseits des Faust kennenlernen möchten. Das Werk ist zugänglich, doch reich an historischer, poetologischer und ethischer Bedeutung. Es zeigt, wie große Literatur das Private und Politische verschränkt und aus einem Einzelfall die Frage gewinnt, was ein Gemeinwesen menschenwürdig macht.