und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Oder auch nicht, denn in der Märchenwelt ist Schneewittchen als Kaiserin Katharina aufgestiegen und stiehlt den anderen Figuren ihre Magie. Nur Fürst Streich setzt sich zur Wehr, doch als er untergeht, lebt die Idee mit seinem Neffen Tristan weiter, der nun auf Rache aus ist.
Die meisten haben nicht vor, böse zu werden, denke ich. Sie werden es einfach. Meistens ganz, ohne es selbst zu bemerken. In ihrer eigenen Geschichte sind sie wahrscheinlich sogar die Guten. Sie glauben, die Welt besser machen zu können oder etwas in der Art. Das klingt doch zunächst erst mal gar nicht so schlecht. Nur dass die Welt gar nicht besser werden will oder dass sie mit einer guten Tat an irgendeiner anderen Stelle etwas Böses bewirken. Die Welt ist kompliziert. -Linde
Wer eine Neuinterpretation und Mischung aller erdenklicher Märchen sucht und sich noch einmal in die märchenhafte Kindheit vertiefen möchte, ist hier genau richtig. Denn in diesem 600 Seiten starken Epos vereinen die Autoren die verschiedensten Märchenfiguren, beispielsweise Schneewittchen, den bösen Wolf, Rotkäppchen oder Frau Holle, miteinander und flößen ihnen ihre eigene Magie ein ohne dass sie den eigentlichen Charakter der Figuren verlieren. Ich habe die Aha-Momente, in denen man ein Märchen und deren Protagonisten wiedererkennt, geliebt und hier werden der Kreativität sowie der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Das Cover passt zum Buch und das Verzeichnis am Ende und die Karte am Anfang vereinfachen das Lesen. Außerdem ist der Schreibstil schön bildhaft und flüssig zu lesen, sodass wir aus mehreren Perspektiven die Geschehnisse im Buch erzählt bekommen. Man merkt kaum, dass zwei verschiedene Personen hieran gearbeitet haben und das war auch gut so.
Das Buch fängt schon rasant mit einer Kriegsszene an und fast genauso fesselnd geht es weiter. Die originelle Idee des Buches, wie oben beschrieben, unterhält den Leser und auch wenn der Humor nicht immer meinen Geschmack trifft, ist es eine schöne Abwechslung und lockert das Buch auf. Tristan geht nach dem Tod seines Onkels auf eine Reise und findet in jeder Etappe Verbündete, die sich gegen die Kaiserin stellen. Dabei ist die Welt gut ausgearbeitet und die drückende Atmosphäre kam zusammen mit dem Leichtsinn des Protagonisten bei mir an. Zwischendurch zieht es sich ein wenig, weil lange Zeit nur gewandert wird und nichts Actionreiches geschieht, aber wenn man das Buch als Gesamtstück ansieht, hat es sich gelohnt. Wir haben Soldaten, magische Wesen, die seltsamsten Kreaturen und ein Ziel und alles zusammen ergibt ein spannendes Leseerlebnis. Der Roman ist in sich auch abgeschlossen, nur das letzte Kapitel öffnet Türen zu einem neuen Abenteuer. Des Weiteren wurde davor ein würdiges Finale geschrieben, welches das Buch perfekt abschließt. Die paar Plottwists davor und währenddessen haben dazu geführt, dass die Geschichte unvorhersehbar bleibt und man immer aufmerksam mitlesen muss.
Tatsächlich ist das Interessante an der ganzen Sache, dass die Helden-Truppe so gar nicht heldenhaft ist, sondern normale Bürger des Landes mit unterschiedlichen Vergangenheiten und teils skurrilen Fähigkeiten. Besonders Tristan sticht nicht hervor, da er ein tollpatschiger und naiver Mensch ist, der sich nur durch Ausdauer und halbem Willen vorantreibt und flexibel mit gefährlichen Situationen umgeht. Das hat mir am Anfang noch zu Bedenken gegeben, weil die krassen Kämpfe ausbleiben, doch man findet sich gut damit an und weil es mal anders ist, als in sonstigen Fantasy-Romane, hat es seinen eigenen Charme. Außerdem entwickelt er sich weiter und man fiebert mit ihm mit, selbst wenn er mal dumme Sachen anstellt.
Was mir am besten gefallen hat, sind die Nebencharaktere. Mit jedem Kapitel kommen neue Charaktere hinzu, aus deren Sicht wir lesen können, und auch über die Feinde von Tristan werden wir aus erster Reihe mit Informationen versorgt. Die wichtigsten wären wohl Linde, die seit dem Anfang dabei ist und immer stark mitkämpft, Maari und ihr Volk, der Froschkönig Ran und Hans, welche uns für längere Zeit begleiten. Sie bringen Stimmung und Magie sowie Kampfkraft in die Story und haben sie mit Inhalt gefüllt. Es hat Spaß gemacht, mit ihnen das Abenteuer ihres Lebens zu erleben und jedes Mal knapp dem Tod zu entkommen. Außerdem hat jeder seine Ticks, die zur entsprechenden Märchenfigur passen. Und auch andere Randfiguren, die einen kurzen Auftritt haben, vervollständigen das Buch, sodass wir hier durchaus von einem märchenhaften Fantasy-Epos sprechen. Ein kleiner Zusatz zum Schluss: Wir haben keine Liebesgeschichte, wer also nach so viel Romantasy wieder mal ein reines High-Fantasy-Buch lesen möchte, bei dem man sich auf den Plot fokussiert hat, sollte diesen Roman zur Hand nehmen.
Insgesamt ist der Roman definitiv für die empfehlenswert, die auch nur einen Hauch von Fantasy mögen!