Dieser kunstvolle Roman spannt einen Bogen über ein Jahrhundert koreanischer Geschichte. Die Phase der destruktiven Einflussnahme Japans wird von der Teilung des Landes nach 1945 abgelöst, gefolgt vom Koreakrieg bis hin zum andauernden Status Quo.
Die politischen Rahmenbedingungen werden jedoch nur touchiert, stattdessen bewegt sich Mirinae Lee zwischen Erlebnissen ihrer Protagonistin im dramatischen 21. Jahrhundert Koreas. Gewalt Unterdrückung, Elend und Ausbeutung wiederholen sich in jedem politischen System und werden damit als brutales, machtbesessenes, skrupelloses Narrativ entlarvt.
Frau Mook wohnt im Seniorenheim und erzählt der Ich-Erzählerin ihre Lebensgeschichte. Sie versieht die Stationen ihres Lebens mit 8 Etiketten: Sklavin. Fluchtkünstlerin. Mörderin. Terroristin. Spionin. Geliebte. Mutter. Ob sie auch eine Hochstaplerin ist, bleibt zunächst ungewiss.
Frau Mook erweist sich als raffinierte Geschichtenerzählerin, die in Charaktere eintaucht, ihre eigenen Motive seziert und die Ereignisse frei von Schuldzuweisungen detailliert beobachtet. Und damit wird
die Biografie Frau Mooks stellvertretend für die Erfahrungen vieler Frauen. Sie stehen unter Fremdherrschaft, erfüllen Rollen, erleben Kriege, Gewalt und Unterdrückung, erdulden Vergewaltigungen und Stigmatisierung, sterben und leben weiter in den Leben der anderen.
Die Protagonistin wechselt Identitäten als wären es Sprachen, übernimmt Verantwortung und stellt sich dem Widerspruch von Konsequenz und Überlebensstrategie. Die Protokollantin wird die reflektierende Instanz.
Aus Verrat, Lüge und Brutalität macht Mirinae Lee einen raffinierten Roman, der mit den Trugbildern der Erinnerung spielt. Schönste Sätze fangen das Grauen ein, zerstörerische Kraft fließt aus den Seiten wie Musik. Die Geschichten, die wir uns und anderen erzählen, lindern den Schmerz wie ein Trostpflaster.
Dabei steht nichts weniger als das Menschsein auf dem Spiel. Frau Mook widersteht Ideologien, verlässt sich auf ihren Intellekt und trotzt den schier unmenschlichen zumutungen des Lebens. Sie entscheidet sich für das Leben, getragen von Werten, die sich über menschengemachte Rollen und Identitäten erheben: Loyalität, Liebe und eine tiefe, grenzensprengende Humanität.
Die acht Leben der Frau Mook ist Abenteuerroman, feministisches Protokoll, Verwirrspiel, eine Geschichte von Krieg, Vertreibung, Flucht, der Schönheit der Sprache und zeitenüberdauernder Liebe. Manchmal brauchen wir die Kunst des Geschichtenerzählens, um nicht an der Wirklichkeit zu zerbrechen.