Edith Whartons "Das Haus der Freude" entfaltet das tragische Porträt Lily Barts, einer jungen Frau der New Yorker Oberschicht um 1900, deren Schönheit, Geist und gesellschaftliche Gewandtheit zugleich Kapital und Gefängnis sind. In einem präzisen, ironisch geschärften Realismus untersucht der Roman die Ökonomie von Ehe, Ansehen und Geld. Wharton verbindet Gesellschaftssatire mit psychologischer Feinzeichnung und steht damit im Kontext des amerikanischen Naturalismus und des europäischen Gesellschaftsromans. Wharton, 1862 in eine wohlhabende New Yorker Familie geboren, kannte die Rituale, Salons und Ausschlussmechanismen jener Elite aus eigener Erfahrung. Ihre Bildung, ihre Reisen nach Europa und ihr kritischer Abstand zu den Konventionen ihrer Herkunftsschicht prägten ihren Blick auf weibliche Abhängigkeit und soziale Heuchelei. "Das Haus der Freude" erscheint daher weniger als bloße Milieustudie denn als moralische Anatomie einer Gesellschaft, die Empfindsamkeit bestraft. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die literarische Eleganz mit gesellschaftlicher Schärfe verbinden möchten. Whartons Roman ist nicht nur ein Klassiker über den Preis sozialer Anerkennung, sondern auch eine bis heute gültige Untersuchung der Frage, wie Freiheit, Begehren und Würde in einem System käuflicher Beziehungen bestehen können.