Home Before Dark macht es mir nicht leicht, in die Geschichte reinzukommen. Der Prolog weckt sofort viele Fragen in mir und seine Kürze überrascht mich.
Im ersten Kapitel lerne ich Marsibil kennen. Es ist Mitte November 1977, und die Ich-Erzählerin ist am Ende ihrer Kräfte. Schon von Anfang an wirkt sie überspannt und neben der Spur. Sie leidet unter Schlaflosigkeit und ist so erschöpft, dass ich kaum eine Verbindung zu ihr aufbauen kann.
Gleichzeitig bekomme ich viele Details und Personen auf einmal, sodass ich hin- und hergerissen bin zwischen es passiert unglaublich viel und gleichzeitig passiert nichts. Der Anfang fühlt sich für mich schwer und erdrückend an, und ich mache mir Sorgen, dass ich mit Home Before Dark vielleicht nicht warm werde.
Mein Lichtblick ist der Handlungsstrang mit Kristín, genannt Stina, Marsibils älterer Schwester. Er beginnt im Herbst 1966 und erdet mich. Vielleicht finde ich ihn auch deshalb so interessant, weil ich bereits weiß, dass Stina 1967 spurlos verschwindet und nicht wieder auftaucht. Dieses Rätsel möchte ich unbedingt ergründen.
Home Before Dark legt seinen Fokus stark auf die Wahrnehmungen der IchErzählerinnen und verbindet ihre Innenwelt mit ihrer subjektiv gefärbten Realität. Das sorgt für einen dichten Erzählstil mit klar erkennbarem Stimmprofil. Marsibil ist dabei die unzuverlässigste Erzählerin. Sie ist fraglos die komplexeste, aber auch die psychologisch fragilste Figur. Ihre Schuldgefühle rund um Stinas Verschwinden, kombiniert mit Schlafentzug und aufkeimender Paranoia erzeugen eine unheilvolle Grundstimmung. Immer wieder habe ich das Gefühl, dass sich Gefahr anbahnt.
Stinas Handlungsstrang ist dagegen heller und lebensfroher. Das liegt auch an ihr selbst, denn sie wirkt charismatisch. Kein Wunder, dass Marsibil am liebsten so sein möchte wie ihre Schwester.
Die Spannung steigt langsam an. Viele kleine Geheimnisse ziehen sich durch Home Before Dark. Sie wecken meine Neugier und ziehen mich immer weiter hinein. Ganz unmerklich beginnt sich die Geschichte in mir festzusetzen, leise und beständig, bis ich merke, dass sie mich nicht mehr loslässt. Was ist damals wirklich passiert? Hat Marsibils mysteriöser Brieffreund Bergur etwas mit Stinas Verschwinden zu tun? Wer könnte der Täter sein? Und sind nicht irgendwie alle im Dorf ein wenig fragwürdig?
Ich versinke immer tiefer in diesen Strudel aus angedeuteten Halluzinationen, verschwiegenen Wahrheiten und einer Dorfgemeinschaft, die sich nach außen offen und freundlich gibt, bei der aber jeder verdächtig erscheint. Jede Seite führt mich weiter in die psychischen Abgründe und zeigt am Ende eine Tragik, die mich erschüttert.
Die beiden Handlungsstränge entwickeln sich parallel und wechseln sich oft kapitelweise ab. Anfangs wirken sie wie zwei unabhängige Geschichten, doch sobald sich die Fäden verweben, packt mich die Begeisterung. Mein anfängliches Gefühl verfliegt und ich bin gefangen in meinen Spekulationen. Die Spannung zieht an, Wendungen überschlagen sich und meine Theorien lösen sich auf. Das Ende macht mich sprachlos. Ich habe nicht erwartet, was sich hier entwickelt, und bin beeindruckt, wie all die kleinen Details zu einem so fesselnden Psychothriller zusammenkommen. Dabei bleibt Home Before Dark stets ruhig erzählt. Trotzdem ist die Eindringlichkeit stets spürbar und lässt die Spannung bis zum Schluss nicht absinken.
Fazit:
Home Before Dark kann mich trotz des schweren Einstiegs immer tiefer in seine psychologische Spannung ziehen. Die Geschichte entfaltet ihre Wirkung leise, aber nachhaltig und wird für mich zu einem intensiven Psychothriller, der sich absolut lohnt.