Wer sind wir, wenn wir ausziehen, unser eigenes Leben aufbauen? Wie können wir dieses Leben führen, wenn wir Verletzungen mit uns herumtragen, von denen wir vielleicht selbst gar nicht wissen, dass sie uns zugefügt wurden?
Die Familie von Jessi ist in ein Netz aus Missverständnissen verstrickt, das Ungesagte schwingt in jedem Satz mit, der messerscharf die mühsam erarbeitete Fassung aufreißt.
Jessica und Ingwer sind seit 20 Jahren zusammen. Er ist Lehrer, nimmt ein Sabbatjahr, sie forscht vollkommen erfüllt zu Kieselalgen. Mit sozialen Kontaktaufnahmen hat Jessi Schwierigkeiten. Sie ist hochsensibel und zieht sich gerne in ihre Bücher und sich selbst zurück. Der Kontakt zu ihrer Familie ist auf ein Minimum reduziert. Auf einem Kurzurlaub mit ihrer Schwiegerfamilie, die sie als idyllisch und harmonisch wahrnimmt, erhält sie einen Anruf aus der Vergangenheit. Ihr Vater ist gestorben.
Sie reist an ihren Heimatort, stellt sich dem uralten Konflikt mit ihrer Halbschwester, setzt sich den Feindseligkeiten ihrer Mutter aus und beginnt, sich ihren Albträumen und Dämonen zu stellen. Dem Zurückgewiesen- und Alleingelassenwerden. Den Verurteilungen und der Ablehnung.
Könnte es sein, dass die Wahrnehmung trügt? Dass die eigene Trauer und der eigenen Schmerz Jessis Wahrnehmung soweit überlagern, dass sie die feinen zwischenmenschlichen Schwingungen nicht deuten kann und dabei diejenigen, die sie nie verletzen wollten, vor den Kopf stösst?
Die Fragestellung, wann wir mehr werden als das, was unsere Eltern in uns hinein programmieren und wer wir sind, wenn wir uns aus den Zwängen des eigenen Zuhauses befreien, geht so viele von uns etwas an.
Petra Hucke hat die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und den Wogen des Lebens in einen bemerkenswerten Roman verpackt. Im Zentrum stehen die facettenreichen Beziehungen der Frauen untereinander, geprägt von Zuneigung und Liebe aber auch Missverständnissen, Herausforderungen, Pflichten, Sehnsüchten und psychischen Belastungen.
Filigran und ungeschönt webt Petra Hucke ein immer dichteres Netz aus Beziehungen und der Auseinandersetzung der Protagonistin mit sich selbst. Auch, wenn es nicht für alles Lösungen gibt, siegt die ungeheure Kraft der Menschlichkeit und der Solidarität. Das Leben ist nicht einfach. Aber genau dort, wo wir Verletzungen anerkennen und Ursachen erforschen, gibt es Heilung und Zuversicht. Leichter und freier.
Ein großartiges Buch, das mir aus der Seele spricht und mich sehr berührt hat. Über wunderbare Frauen, Familie, Loyalität und Befreiung.