Wann wurden wir mehr als das, was unsere Eltern aus uns gemacht hatten? (S. 201)
UNTERWASSERBLAU
Petra Hucke
ET: 12.03.26
Jessica verbringt ein paar Tage mit der Familie ihres Mannes Ingwer und für sie ist es jedes Mal wie ein Ankommen. Die Schwiegereltern, die drei Brüder mit ihren Partnerinnen und Kindern: Wärme, Zugehörigkeit und Selbstverständlichkeit. Jessica und Ingwer haben sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden. Stattdessen genießen sie ihre Rolle als Tante und Onkel, als Teil dieses lebendigen und liebevollen Gefüges.
Dann der Anruf: Ihr Vater ist tot. Drei schlichte Worte aus dem Mund ihrer Halbschwester und mit einem Schlag ist sie zurück in der Enge ihrer Herkunft. In einer Familie, in der Zuneigung kein Ausdruck fand, in der man nicht weinte, sondern schwieg. In der die Mutter dominierte, unzufrieden, nörgelnd, unnahbar und der Vater sich hinter diesem Schweigen einrichtete. Jessica hat sich für diese Familie geschämt, seit sie denken kann. Und nun holt sie die Vergangenheit ein.
Wie sich die Ereignisse entfalten, möchte ich nicht vorwegnehmen. Nur so viel: Alte Wunden brechen auf und Fragen drängen sich in den Vordergrund. Wie prägt eine lieblose Kindheit einen Menschen? Lässt sich diese Erfahrung ablegen oder schreibt sie sich unausweichlich in das weitere Leben ein?
Petra Hucke erzählt mit großer Empathie von Verlust, Sehnsucht und der leisen Hoffnung auf Veränderung. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass sehr viele Themen angerissen werden. Doch im Verlauf fügt sich alles stimmig zusammen. Der Ton ist fein und sensibel, die Sprache klar und zugleich poetisch. Ich bin regelrecht durch die Seiten getragen worden.
Fazit:
Eine eindringliche, zart erzählte Geschichte über Herkunft, Prägung und die Möglichkeit, sich neu zu verorten.
5/5