Atlantik, Dünen, Heckenrosen, Strand, See. Schon als Kind verbrachte Judith in den 1980ern die Sommer gemeinsam mit den Eltern und ihrer kleinen Schwester im Médoc. Gemeinsam mit ihrer Freundin Natascha aus dem Nachbarhaus waren die Sommer endlos und frei.
Jetzt ist sie zurück an der Côte dArgent. Natascha hat sie aus den Augen verloren, die Freundschaft zerbrach an einer schicksalhaften Nacht viele Jahre zuvor. Gemeinsam mit ihren Töchtern, ihrem Mann und ihrer Mutter zieht Judith für den Sommer zurück nach Frankreich, sie will einen Artikel schreiben und hofft auf einen klaren Kopf im atlantischen Sommerwind.
Den Erinnerungen kann Judith nicht entkommen. Spätestens, als Natascha unerwartet auftaucht, um mit ihrem Mann den Sommer ebenfalls hier zu verbringen, kommen die Erinnerungen mit Macht zurück. Doch die Bilder sind trügerisch, schieben sich übereinander, verdichten sich.
Auf zwei Zeitebenen nähert sich die Erzählung dem Ungesagten, dem Schweigen, der Schuld, dem Unglück, dem Geheimnis und dem Wesen der Elternschaft. Eine tiefe Melancholie überdeckt das verheißungsvolle Sommerrauschen, das Schweigen wiegt schwer.
Wunderbar überträgt Christiane Adlung das Trügerische der Erinnerung in die Form, verwebt knappe Assoziationen mit Reflexionen, schiebt Szenen ineinander. Glaubhaft fliegen die Dialoge, um sich im nächsten Moment im Dunst über dem Étang zu verlieren.
Sommerrauschen ist Frankreich, Atlantik, Gefühl und Farben. Das Licht ist silbern am Atlantik, die Natur allgegenwärtig.
Ein leichter Sommerroman ist es sicher nicht. Er bewegt sich zwischen Sehnsüchten und Ängsten, kreist um Vertrauen und Verlust, changiert zwischen Brüchen und Schuld. Das Unterdrückte lauert unter der Oberfläche in eindringlichen Bildern, die durchaus beklemmen. Sprachlich schießt das manchmal über das Ziel hinaus, doch das sei verziehen, denn der kühne Stil zahlt sich aus.
Sommerrauschen ist pointiert, reflektiert, emotional und eigenwillig im besten Sinne. Es ist zeitlos.