Wer blind vertraut von Tessa Duncan, der dritte Band der Reihe Canterbury-Fälle mit der Therapeutin Lily Brown als Zentralfigur, war für mich wiederum ein Lesehighlight - Spannung pur mit Tiefgang.
Dass das schaurig anmutende Cover ausgezeichnet zur Handlung passt, erkennt man bereits im Prolog, der unheimliches Treiben auf einem alten Friedhof beschreibt. Auch die Bedeutung des Titels offenbart sich nach wenigen Kapiteln. Das Buch erschien 2026. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, sind mit Orts- und Zeitangaben versehen, wodurch die Handlung nicht nur chronologisch optimal verfolgbar ist, sondern auch Perspektivenwechsel sofort erkenntlich sind. Der Schreibstil ist flüssig, gut beschreibend und packend. Was die psychologischen Aspekte anbelangt, ist unverkennbar, dass die Autorin ausgebildete Psychologin ist. Die Handlung spielt von Jänner bis April des Jahres 2020, somit zu Beginn der Corona-Epidemie, was von der Autorin bewusst außer Acht gelassen wurde.
Wenn es auch ratsam wäre, des roten Fadens wegen, nämlich der privaten Entwicklung der Hauptfigur, mit Band eins zu beginnen, so steht dennoch fallmäßig jeder Band für sich. Soweit erforderlich sind Hinweise auf die Vorgeschichte vorhanden.
Der Handlungsaufbau ist komplex, interessant und abwechslungsreich. Denn es beschäftigen letztlich drei Fälle Lily bzw. den Polizeiapparat. Erstens häufen sich in letzter Zeit die Fälle von vermissten jungen Mädchen. Zweitens fordert Lily eine genauere Untersuchung des angeblichen Selbstmordes einer ihrer Patientinnen. Und drittens macht sich Lily Sorgen um eine ihrer Patientinnen, die von einem Tag auf den anderen verschwand und deren Familie sich sonderbar verhält. Mit all dem ist auch noch das Privatleben von Lily und Dan gut dosiert und geschickt verwoben.
Im Mittelpunkt steht Lily Brown, die mit viel Einfühlungsvermögen und Kombinationsgabe versucht, die Wahrheit hinter oft widersprüchlichen Aussagen zu erkennen. Die Charaktere sind bestechend facettenreich dargestellt, wirken lebendig und authentisch. Lilys Beobachtungen, Recherchen und fundierte psychologische Einschätzung tragen maßgeblich dazu bei, dass sich die Polizei mit den von ihr herangetragenen Fällen schließlich doch ernsthaft befasst. Lily lässt einfach nicht locker, sucht nach ähnlichen Fällen. Auch wenn sich die Indizien häufen, Beweise zu finden, erweist sich als schwierig. Je intensiver sich Lily mit den Fällen befasst, desto mehr Verborgenes kommt ans Tageslicht, überraschen unerwartete Wendungen. Und die Spannung steigt von Kapitel zu Kapitel. Man spürt, wie sich alles zuspitzt. Trotz fortgeschrittener Schwangerschaft engagiert sie sich persönlich, womit sie sich wieder einmal selbst in höchste Gefahr bringt. Letztlich verknüpfen sich sämtliche Handlungsfäden, es bleiben keine offenen Fragen. Auch privat scheint fürs Erste alles bestens zu sein.
Wer blind vertraut hat mich wieder in seiner Vielschichtigkeit begeistert. Der Roman überzeugte nicht nur mit Spannung und psychologischem fundierten Wissen, sondern auch mit vielseitiger Thematik, was die menschlichen Abgründe hinter der Fassade anbelangt, wie Abhängigkeit, häusliche Gewalt, Messiesyndrom, Betrug bis kaltblütiger Mord.
Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung und 5 Sterne.