Ich bin die Tochter von Camilla aus Gera und Ambonesigwe aus Sange. Ich bin Tupoka Sibylle. Ich bin ein Brückenmensch. Das ist doch was. (S. 22)
"Trotzdem zuhause" von Tupoka Ogette ist am 19.02.2026 im Penguin Verlag erschienen. Auf 256 Seiten erzählt die Bestsellerautorin und eine der bekanntesten Beraterinnen für Rassismuskritik und Antirassismus im deutschsprachigen Raum ihre bisher persönlichste Geschichte: die eines Schwarzen Mädchens, das in der DDR geboren wurde, in Westberlin aufwuchs und seinen Platz zwischen verschiedenen Welten, Identitäten und Erwartungen finden musste. Dieses Mädchen ist sie.
Für mich ist Tupoka Ogette eine ganz besondere Autorin. Ihr Buch "exit RACISM" war für mich vor einigen Jahren einer der wichtigsten Einstiege in die rassismuskritische Auseinandersetzung. Entsprechend groß war meine Vorfreude auf dieses Memoir und trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet, wie persönlich und ehrlich dieses Buch hier werden würde.
Schon im Vorwort schreibt sie: Dieses Buch zu schreiben ist das Schwierigste, was ich je getan habe. (S. 10) Und genau das spürt man auf jeder Seite. Tupoka Ogette erzählt von ihrer Kindheit als Schwarzes Mädchen in der DDR, von Alltagsrassismus, Ausgrenzung und dem Gefühl, weder hier noch dort vollständig dazuzugehören. Sie schreibt über ihre Mutter, ihre Familie in Tansania, über Verlust, Identität, Mutterschaft und darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst einen Platz in der Welt zuzugestehen.
Besonders spannend für mich war, wie viele Aspekte ihres Lebens ich bislang gar nicht kannte: dass sie sehr jung Mutter wurde, dass sie in einer gewaltvollen und toxischen Beziehung feststeckte und dass sie sich trotz all dieser Herausforderungen immer wieder aufgerappelt und weitergekämpft hat. Immer wieder musste ich beim Lesen auch Pausen machen. Es war wortwörtlich eine Achterbahn der Gefühle. Manche Kapitel haben mich wütend gemacht, andere traurig und wieder andere voller Bewunderung zurückgelassen. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, ihr direkt zuzuhören. Und ehrlich gesagt hoffe ich sehr, sie eines Tages einmal live erleben zu dürfen.
Das Buch hat mich insgesamt daran erinnert, wie wichtig persönliche Geschichten sind, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Und was ich an Tupoka Ogette seit Jahren schätze, zeigt sich auch hier wieder: ihre Fähigkeit, komplexe Themen zugänglich zu machen, ohne sie zu vereinfachen. Ihr gelingt es sehr gut, persönliche Erinnerungen mit gesellschaftlichen Analysen zu verbinden, ohne dass eines das andere verdrängt.
Am Ende hatte ich das Gefühl, dass sie Frieden geschlossen und ihren Platz in der Welt gefunden hat; mit dem Wissen, Zeit ihres Lebens zwischen verschiedenen Zugehörigkeiten navigieren zu können und genau das auch eine große Stärke ist: Ich habe meine Heimat, mein Zuhause, genau in diesem Scheitelpunkt gefunden. In der Mitte, der Ambi-valenz, im Gegensatz, in der Widersprüchlichkeit. (S. 245)
Fazit
"Trotzdem zuhause" ist ein berührendes Memoir über Identität, Zugehörigkeit, Verlust, Widerstandskraft und Selbstermächtigung. Es ist persönlich, politisch und voller kluger Beobachtungen über Deutschland und das Leben als Schwarze Frau in dieser Gesellschaft. Für alle, die biografische Geschichten mit gesellschaftlicher Relevanz lieben, sich mit Rassismus, deutscher Geschichte und Identität auseinandersetzen möchten, und für alle, die sich von mutigen Stimmen inspirieren lassen wollen. Danke, Tupoka, für deine Offenheit, deine Arbeit und dieses wichtige Buch. Herzlichen Dank auch an den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar!